Tirol und Südtirol grüßen Wien
13.-14.06.09
Landesfesttage
18.09.-20.09.09
Landesfestumzug
20.09.09

„200 Jahre Tiroler Freiheitskampf 1809 in Erl“

Erl wurde zum Dorf an der Grenze, der Turm zu Windshausen zum nördlichsten Tiroler Vorposten. Der Turm nahm eine exponierte Stellung bei der Grenzverteidigung ein. Peter Kitzbichler informiert in einem interessanten Bericht.

200 Jahre Tiroler Freiheitskampf 1809 in Erl
 
Mit der Einverleibung der Gerichte Kitzbühel, Kufstein und Rattenberg im Jahre 1504 in die Grafschaft Tirol – als Folge des Landshuter Erbfolgekrieges - wurden die Tiroler Grenzen weit ins Bayerische vorgeschoben, so auch Windshausen in Erl – heute der Ortsteil Schwaigen.
 
Erl wurde dadurch zum Dorf an der Grenze, der Turm zu Windshausen (oder auch Kaiserturm genannt) zum nördlichsten Tiroler Vorposten. Seither nahm dieser Turm – heute unter dem Namen Ruine Katzenstein bekannt - eine exponierte Stellung bei der Grenzverteidigung ein. In den Kriegen von 1703 (Spanischer Erbfolgekrieg – auch genannt „Bayerischer Rummel“), und 1740/44 (Österr. Erbfolgekrieg) standen der Pass und der Turm von Windshausen im Mittelpunkt der Kämpfe um Tirol. Im Winter 1800/01 wurde der Pass Windshausen wiederholt angegriffen, konnte sich aber behaupten. Im Verlaufe des Tiroler Freiheitskampfes 1809 wurde der Turm dann am 12. Mai von überlegenen französischen-bayrischen und verbündeten sächsischen Truppen abermals angegriffen, erobert und zerstört. Mehrere hundert Tiroler Schützen sollen diesen Pass verteidigt haben. Erst als ihnen die Munition ausging, mussten sie sich zurückziehen, und wie es heißt, über die Berge flüchten, um nicht gefangen genommen zu werden.
 
Und jetzt sind wir bei der eigentlichen Tragödie dieses Tages – am Freitag nach Christi Himmelfahrt des 12. Mai 1809. Logischerweise waren die feindlichen Soldaten aufgebracht über soviel Widerstand. Bei den Kämpfen hatten sie hohe Verluste zu beklagen. Das Bayerische I. Bataillon musste 4 Gefallene und 36 Blessierte (so bezeichnete man die Verwundeten damals) hinnehmen. Darüber hinaus wurden die Truppen beim weiteren Einmarsch durch versteckte Tiroler Schützen immer wieder aus dem Hinterhalt beschossen. So auch noch außerhalb des Dorfes (die Soldaten waren eigentlich ja schon durchgezogen), wobei ein bayerischer Offizier von einem Tiroler Schützen (wie es heißt, soll es ein Oberinntaler gewesen sein) vom Pferd geschossen wurde! Ob der Offizier tot war oder nur verwundet – blessiert – wissen wir nicht. Der französische Marschall Levébvre heizte die Grausamkeiten zur Niederwerfung der Tiroler Insurgenten mit seinem Befehl: „Seien Sie schrecklich“ auch noch dementsprechend an! Die Folgen sind uns bekannt: Das Dorf mitsamt der Kirche und den umliegenden Bauernhäusern wurde angezündet, die verbliebenen Bewohner aller Habseligkeiten beraubt, auch schwer misshandelt und einige sogar getötet. In einer Zusammenfassung der Kriegsschäden, aufgenommen bereits am 12. Oktober 1809, wurde allein für das „Viertl Erl“ ein Schaden von 139.000 Gulden berechnet! Das war für die damalige Zeit ein enorm großer Betrag! (Nach heutigem Wert bestimmt eine mehrere Millionen hohe Euro-Summe!) Die Erler selbst hatten mit den Kämpfen direkt wohl weniger zu tun, sie flüchteten vorsichtshalber auf den Erler Berg, denn ihnen war schon klar, welche furchtbaren Folgen der Widerstand für das Dorf bedeuten würde. Zu gut waren die Brände des Dorfes und die Grausamkeiten vom Jahre 1703 und 1744 noch in Erinnerung. Schützenmajor Jakob Sieberer beklagte sich in einem Lagebericht an Andreas Hofer, dass „die Landesvertheidigungsmannschaft der Unteren Schranne schier mit den Haaren zum Dienst gezogen werden müsste. Solches Tun kann er nicht loben!“
 
An diesem so schrecklichen Tag ging auch der Bräu in Mühlgraben in Flammen auf und damit auch der gesamte Kostüm- und Ausstattungsbestand der Passionsspiele, der beim Bräuwirt gelagert war. Im Oberaudorfer und auch Kiefersfeldener Heimatbuch wird über diese Tage berichtet: „Den Tirolern ging es heute sehr übel, überall wurden sie gejagt. Erl und der Bräu im Mühlgraben brannten rein weg! Die Audorfer erlebten den gewaltigen Feuerschein von Erl und vom Bräu in Mühlgraben, da der Besitzer, Sebastian Gradl, Erler Landsturmhauptmann war. Es ist auch denkbar, ( so wird geschrieben) dass die Bayern in Wut gerieten, weil die Tiroler immer wieder ihren Spottruf „Boarfackn, hutz, hutz, hutz über den Inn hinübergerufen hatten“. (Mit Boarfackn wurden die Gegner als „Saubaiern“ bezeichnet!)
 
Über die Zeit nach diesen schrecklichen Maitagen 1809 ist nicht viel bekannt. Wahrscheinlich hatten die Bewohner Erls von all den Kämpfen, der Gefahr, der Not und des Elends genug. Es gab auch nichts mehr zu plündern für Tiroler und Bayern. Das Dorf war zu arm und nur ein Nebenkriegschauplatz jener Zeit. Die großen Schlachten wurden bei Wien (Aspern – Wagram) geschlagen! Freilich gab es im Laufe des Jahres allerlei Geplänkel, Gefechte, Raubzüge nach hüben und drüben. Weil bei uns nichts mehr zu holen war, hielten die „Tiroler Insurgenten“ - wie sie genannt wurden - im bayrischen Nachbarland Ausschau nach Beute. So schreibt der Chronist des Audorfer Heimatbuches: „Die Tiroler nahmen vor, oder unter während der Zeit den Dorfbauern allen ihr Vieh auf der Alm, sogar die Zigl-Kaibl, und schleppten sie über die Trains-Alm fort“. (Die Trainsalm ist das Grenzgebiet zwischen Kiefersfelden und Thiersee) Auch hatten die bayerischen Nachbargemeinden, insbesondere Kiefersfelden, Oberaudorf und auch Nussdorf unter den Ausfällen der Tiroler zu leiden. Brandschatzung, Raub und Misshandlung hatten sie genau so zu spüren bekommen wie die Tiroler Seite. Der Rosenheimer Landrichter schreibt im Juni und Juli in seinen Aufzeichnungen: „Abends kamen die Rebellen von Kufstein heraus nach Kiefersfelden, wo sie alle Häuser plünderten, lustig raubten und das Vieh wegtrieben. Der Ort Kiefersfelden ist von Insurgenten besetzt und sie scheinen noch nicht zu Verstand gekommen zu sein - sie scheinen eher noch wütender zu werden, denn sie haben 10 Häuser in Kufstein (war bayerisch!) und drei im Auerburgischen abgebrannt. Dies verbreitet im Landvolke solchen Schrecken, dass das Aufgebot von Gebirgsschützen selbst mit Zwang nicht in die Organisation eintreten wollte und sie so schon täglich geplagt sein würden durch die Tiroler Insurgenten“! Dazu muss man wissen, dass die meisten Schützen ohne Gewehre dastanden, da sie ihnen wegen „vorausgegangener Maßnahmen gegen das Wildschützenwesen“ abgenommen worden sind!Ja, und ohne Gewehre lässt sich halt schwer eine Verteidigung vornehmen!  
 
Es gab aber auch kleinere Gefühle der Menschlichkeit auf beiden Seiten in dieser rohen Zeit: Als einmal während der Belagerung der Festung Kufstein ein Trupp Tiroler mit Raubgut aus der Gegend von Audorf zurückkam, nahm der Tiroler Kommandant (vermutlich war es Speckbacher selbst) ihnen das Geraubte wieder ab, ließ es den Audorfern wieder aushändigen mit dem Bemerken, es werde friedlichen Nachbarn nichts weggenommen... Überhaupt hatten die Tiroler und bayerischen Nachbarn keine rechte Freude mit diesem Aufstand. Die Frage ist berechtigt, warum haben sich Tiroler und Bayern im Laufe der Zeit so heftig bekämpft? Jahrhundertealte Nachbarschaft, gemeinsame Geschichte und Kultur artete im Interesse von Kaisern, Königen und Fürsten in Länderraub und Grausamkeiten, Unterdrückung, Blut und Elend aus. Im Kiefersfeldener Heimatbuch schreibt der Chronist Hans Moser, dass die bayrische Grenzbevölkerung mit den Tirolern sogar sympathisiere, auch wenn sie über die einzelnen Untaten, die der grausame Bruderkrieg mit sich brachte, sehr erbittert war! Die Bevölkerung hatte schon auch mitbekommen, dass sich die Besatzungsmacht Bayern in Tirol nicht besonders beliebt gemacht hatte und darüber hinaus die starken religiösen Gefühle der Tiroler Bevölkerung verletzte und ignorierte. Mit dem Gedankengut der Aufklärung hatten die Tiroler sowieso nichts im Sinn !
 
Ich will über die tieferen Beweggründe und Ursachen des Tiroler Aufstandes von 1809 hier nicht näher eingehen. Das wisst ihr wohl alle selbst gut genug. Mit fiel nur auf, das ich bei meinen Recherchen zu diesem Bericht in Tiroler Geschichtsbüchern, in historischen Abhandlungen und Nachschlagewerken über 1809 (auch in den heuer neu aufgelegten) und sogar im Tiroler Jungbürgerbuch wenig bis gar nichts über die Kämpfe bei Windshausen, geschweige denn über den Brand von Erl erfahren bzw. lesen hätte können. Ich musste mir beinahe alles aus bayrischen Werken, die manchmal sogar in ihrer Beschreibung über die Tiroler Mentalität sehr amüsant zu lesen sind, besorgen.
 
Zum Schluss bleibt nur noch die Frage offen:
Was bedeutete dieses Jahr 1809 für Erl?
 
Man erkennt erst im Nachhinein die Tragik der Ereignisse. Vom Mythos Andreas Hofer, Freiheit und Heldentum keine Spur! Erl wurde in diesen Kampf genauso hineingezogen in die Napoleonische Machtpolitik wie Tirol und Österreich. Es konnte daraus nicht entrinnen!
 
Der Zusammenbruch des Tiroler Aufstandes 1809 mit der letzten Bergisel-Schlacht am 1. November brachte vorerst wieder halbwegs gesicherte Verhältnisse. Auch die Besatzungsmacht lernte aus dem Aufstand und war in ihren Vorschriften nicht mehr so streng. In der Heiligen Nacht 1809 durften zum erstenmal seit 1805 wieder ungehindert die Glocken läuten und die nächtlichen Gottesdienste abgehalten werden.
 
Aber welche Verhältnisse waren das sonst !? Das Dorf abgebrannt, Not und Elend in der Gemeinde, keine Hilfe von außen – nur auf sich allein gestellt! Missernten und Hungersnot in den folgenden Jahren kamen noch dazu! So dauerte es an die 20 Jahre, bis der Wiederaufbau abgeschlossen werden konnte und endlich wieder bescheidener wirtschaftlicher und – heute würde man sagen – gesellschaftlicher und sozialer Aufschwung in das Dorf an der Grenze einkehrte.
 
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Passionsspiele bereits wieder in den Jahren 1815 und 1816 aufgeführt wurden (also ein Jahr nach der Rückkehr Tirols zu Österreich 1814) – denn „die Kirche braucht Geld“ – wie es immer wieder dazu geheißen hat! Es muss also doch ein kleiner Beitrag davon für den Wiederaufbau abgefallen sein!
 
In einem Visitationsprotokoll steht:  
„ Erl, am 14.09.1818 Vormittag: Johann Mangst-Zechprobst (= Verwalter) gibt zu Protokoll: .... (haben keine Klagen), wünschen (nur), dass die Kirche und die Glocken möchten geweicht werden!“ Also, der Wiederaufbau war bereits voll im Gange!
 
Wollen wir also für die Zukunft hoffen, dass diese Kriegsfurie unter Nachbarn nie mehr über unser Dorf hereinbrechen möge. Dazu müssen aber auch wir selbst unseren Beitrag ständig dazu leisten, indem wir nicht nur zurück, sondern auch nach vorne schauen!!!
Dieser Bericht über die damaligen Kämpfe in Erl soll uns an diese Tage erinnern und uns aber dankbar sein lassen, in welch guter, friedvollen Zeit wir heute – trotz aller größeren und kleineren Probleme, die es unter Nachbarn auch gibt – leben !

Biografie
 
Peter Kitzbichler hat recherchiert, gesammelt und archiviert. Er hat den Beitrag zu Tirol 1809 in Erl verfasst und anlässlich des Gedenkgottesdienstes am 12. Mai 2009 vorgetragen. Der Bericht hat auch in Bayern großen Anklang gefunden.
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