Alois Wibmer, ein blinder Seher
Die Führung haben sie nach Klagenfurt gelockt, um zu verhandeln, und da haben sie sie dann geschnappt. Und jetzt ist das ganze Ding ohne Führung gewesen. Ein jeder hat sein Heil gesucht. Das ist eine schwierige Sache gewesen. Da ist alles auseinander! Auf den Feldern und überall haben sie gelagert. In den Wäldern Lager errichtet. Noch ein paar Jahre danach hat man das gesehen, da und dort.
Vor Lienz haben sie sie verladen, zum Verliefern. Die einen, die drin gewesen sind, sind wieder beim Waggon auf der andern Seite hinaus und sind zusammen geschossen worden...
Den Kosaken ist anscheinend Osttirol versprochen worden, gelt. Die sind der Meinung gewesen, das ist da ihre Heimat. Ja, wie denn! Die Kosaken sind ja in einem ganz anderen Ding aufgewachsen, nicht. Die haben ja die Werkzeuge nicht gekannt, die da sind. Und sie dann da ansiedeln, wo sie mit den Einheimischen sollen zusammen sein.
Ich weiß nur so, wie die Zivilbevölkerung durchgezogen ist. Sie haben Wagen gehabt mit so Dings drüber, Planen. Da hat man sie in den Wägen liegen gesehen.
Und eines kann ich halt nicht vergessen. Da ist ein alter Mann gewesen und eine alte Frau, die haben eine Scheibtruhe gehabt, so heißt man die Schubkarren bei uns, verstehst d´. So ein Ding mit zwei Ding zu Schieben. Ich hab nur die Zivilbevölkerung gesehen und nicht das Militär. Der Mann hat geschoben und auf der Scheibtruhe das ganze Hab und Gut drauf, und vorne ist die Frau gewesen und die hat ein Band gehabt oder eine Schnur oder was über die Schulter und er hat geschoben und sie hat gezogen, und das Ding war alles aus Holz, aus das Rad und kein Eisen. Die alten Leut da auf der Flucht. Ja. Ja. .... Die zwei, die zwei alten Leutlen, zwei Griffe, die Kiste und das Radl, gelt. Das kann ich nicht vergessen.
Biografie
Wibmer Alois, geboren in Matrei 1905, kommt dann mit zehn Jahren nach Lienz. Er hat acht Geschwister, Eltern wandern nach Amerika aus. Erst ist er in der Landwirtschaft tätig, dann in einem Sägewerk und schließlich im Baugewerbe. Beim Interview ist er 97 Jahre alt und blind.
Kommentar
Während die „Neuzeitarcheologie“ das „Drama an der Drau“, die Geschichte der Kosaken in Osttirol (1945), über Fundstücke zur Geschichte erklärt, leben noch Menschen für die die Ereignisse höchst gegenwärtig sind.
Der Fokus der Historiker ist auf die militärische Komponente fixiert, der Fokus von Menschen, die sich erinnern, richtet sich auf Persönliches.
Mit der Erzählung vom Schubkarren, auf dem zwei alte Menschen ihr Hab und Gut die Landstrasse entlang ziehen, hinterlässt die Tragödie der über 30.000 Kosaken vielleicht einprägsamere Spuren als es das faktische Wissen um die Umstände der Deportation vermag.
Ähnliches gilt auch von der Erinnerung einer damals 15jährigen Osttirolerin, die erzählt, wie ein Kosakenehepaar um Unterkunft bat, die ihnen die Eltern verweigerten, weil solche Hilfestellungen unter Strafe gestellt worden waren. Daraufhin ging der Mann hinaus aufs Feld, schaufelte ein Grab aus und erschoss sein Kind, seine Frau und sich selbst.
Literaturhinweise:
Josef Mackiewicz, „Tragödie an der Drau“ München 1957
Armin Wilding „Die Kosaken im oberen Drautal und ihre Auslieferung an die Sowjetunion 1945“, Klagenfurt – Ljubljana – Wien 1999
Zur Vorbereitung der theatralischen Aufbereitung dieses zeitgeschichtlichen Kapitels („Lauf Katinka“), nahm die Theaterwerkstatt Dölsach im Jahr 2001 zahlreiche Interviews mit Personen auf, die sich an das Kriegsende in Lienz erinnerten.
© Bild und Texte: Österreichisches Zeitzeugenarchiv
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