Anna Waldeck, Publizistin und Stadträtin
Der wurde auch einberufen, gleich am Anfang des Ersten Weltkrieges. Und er verabschiedete sich dann von allen Bekannten und kam auch zu uns in die Kärntnerstraße 14 und verabschiedete sich dort von den Bewohnern des Hauses. Und ich erinnere mich noch genau: Im Hof, da standen die Leute alle um ihn herum, die Frauen weinten und der Mann, der weinte auch bitterlich.
Ich war damals sechs Jahre alt, aber ich werde es nie vergessen, wie nahe mir das ging. Und schließlich schluchzte der Mann, die Frauen versuchten ihn zu trösten, aber er schluchzte weiter: „I, waas, dass i nimmer wieder kumm.“ Und so war es auch. Er kam auch nicht wieder. Er war einer der ersten, die gefallen sind, für Gott, Kaiser und Vaterland.
Und ich kann mich noch gut erinnern, wie die Einberufenen mit aufgepflanztem Gewehr, mit Blumen geschmückt, singend zum Bahnhof marschiert sind und an die Front gefahren wurden.
Ich kann mich auch erinnern, als der Krieg mit Italien losging und wie man die Italiener damals beschimpft hat. Sie waren nur als die „Katzlmacher“ bezeichnet worden. Ich konnte mir als Kind überhaupt nicht vorstellen, was das ist, ein „Katzlmacher“. Jedenfalls war es ein Schimpfwort und die Italiener hatten keinen guten Ruf in der Bevölkerung, obwohl sie ja genauso wenig dafür konnten wie alle anderen.
Und ich weiß noch gut als der Rückzug war, 1918, als die Soldaten zurück kamen, zuerst kamen die Offiziere mit Autos und nachher zum Schluss auch das ganze Fußvolk mit allen Krankenschwestern. Und es gab nirgendwo etwas zu essen, die armen Soldaten hatten keine Verpflegung, die mussten schauen, dass sie irgendwo etwas fanden.“ (Anna Waldeck, 1999)
Biografie:
Anna Waldeck wird 1908 als Tochter eines Lokführers und bekennenden Sozialdemokraten in Lienz geboren. Obwohl ihr Elternhaus sehr aufgeschlossen ist, wird es ihr daheim schnell zu eng. Sie geht mit vierzehn nach Strassen (Osttirol) und beginnt dort - für ein Butterbrot – eine kaufmännische Lehre, die sie später in Brixen fortsetzt. Mitte der 1920er-Jahre geht sie als eine Art Au Pair Mädchen zu einer Grafenfamilie nach Rom. Dort verliebt sie sich in ihren zukünftigen Mann und folgt ihm Bremen. Georg Waldeck, ein Sozialdemokrat, ist einer der jüngsten Politiker in der dortigen Regierung. Unter den Nazis muss er als „Illegaler“ zwei Jahre absitzen.
Anna Waldeck eifert ihrem Mann nach und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die erste Gemeinderätin von Lienz, dann erste Stadträtin Tirols. Sie gründet die Volkshochschule in Lienz und baut sie auf, daneben schreibt sie für den Osttiroler Boten und Die Kärntner Tageszeitung, und gilt bald als „Gedächtnis Osttirols“.
Nach dem Tod ihres Mannes (1973) begibt sie sich als über 70jährige auf Reisen, u.a. mit der Transsibirischen Eisenbahn nach China.
Empfehlung:
Waldeck, Anna: Eine Frau erlebt ihr Jahrhundert; Löwenzahn Verlag, ISBN 978-3-7066-2144-1, aus der Reihe Skarabäus, erschienen: 12.1996
Text: © Österreichisches Zeitzeugenarchiv
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