Bauarbeiten an der Umfahrung Wörgl Boden
Der Oktober- Nachmittag geht langsam seinem Ende zu. Die Schaufel liegt in seinen müden Händen. Mit der Linken stützt er sich auf die Schaufel und lässt das Gösser - blubbernd - aus der Flasche in seinen Hals rinnen. Unbemerkt von ihm hat sich ein schwarzer Rabe auf den angrenzenden Gartenzaun gesetzt.
Rabe: Vor 200 Jahren wärst du um dein Leben gelaufen.
Der Bauarbeiter sieht aus den Augenwinkeln auf den Raben, aus dessen Richtung die Worte gekommen sind.
Rabe: Von dort drüben sind die französischen Dragoner gekommen, hoch zu Ross, mit gezücktem Schwert, während uns die Kugeln wie ein Mückenschwarm um die Ohren geflogen sind.
Der Bauarbeiter sieht mit offenem Mund zu dem Raben hinüber.
Rabe: Was schaust den so, kannst dir nicht vorstellen, dass ich
dabei war? General Castelar selbst hat mir auf die Schulter geklopft. Heute würde er sich natürlich etwas schwerer tun.
Der Bauarbeiter trinkt noch einmal, in der Hoffnung, seine Wahrnehmung hinunter zu spülen. Du bist koa Mensch - du bist a Rabe - du darfst net reden.
Rabe: Verstehst du nicht, ich bin von da, ich bin der Ehrenstrasser- Bauer, gleich dort drüben war mein Hof.
Bauarbeiter: Red net, Roben hoben koa Heimat.
Rabe: Ein Depp, verstehst noch immer nicht. Seit 1809 hüpf ich in Federn herum, weil mich so ein Franzose, mit Beihilfe eines Bayern in den Hintern geschossen hat.
Bauarbeiter: Is guat zugewochsen, sieht ma goa nimma .
Rabe: So ein Vollidiot! Da bin ich natürlich noch der Ehrenstrasser- Bauer gewesen.
Ein Regenwurm hatte sich ungesehen an die Erdoberfläche gearbeitet. Regenwurm: Mon dieu, der hat noch nie von unseren Kämpfen gehört!
Rabe: Wer hat das gesagt?
Bauarbeiter: Do, dea Regenwurm! I geh bessa, des hoit i nimma aus.
Rabe: Stich ihn ab, diesen despotischen Regenwurm. Stich ihn ein paar mal durch, dass nicht irgend ein Teil weiter lebt.
Regenwurm: Monsieur, bitte nicht! Nach der 15. Inkarnation muss ich Regenwurm gerade einen Raben als Tiroler Freiheitskämpfer treffen, der noch immer glaubt, dass auf dieser Welt etwas zu gewinnen ist.
Rabe: Hättet ihr uns nicht mit so einer Übermacht überfallen, wir hätten euch bis Paris getrieben.
Regenwurm: Reiß deinen Schnabel nicht soweit auf, was weißt du schon? Paris, welch schöne Stadt. Das Hufgeklapper in den engen Straßen. Das Schreien der Marktfrauen und die Huren am Pigalle.
Rabe: Musst hoffen dass dich einer frisst, vielleicht erwischt noch ein Mädchen, in der nächsten Inkarnation. Von einem Bett zum anderen, so Zugvogelmädchen gibt es bei uns nicht, nein danke, Tirol ist Tirol.
Regenwurm: Kommt der schon wieder mit diesen miserablen Parolen.
Bauarbeiter: Wos imma des wean sollt, oans was i, zu helfen is eich nimma. Daraufhin schüttet der Bauarbeiter sein Bier aus und geht.
Regenwurm: Dafür dass ich euch Jahre lang die Erde durchwühlte, für das willst du mich auch noch zerstückeln lassen. Sieh mich an, was aus mir geworden ist .
Rabe: Aber ein Scheusal bist schon gewesen.
Regenwurm: ..und ihr ?
Rabe: Wir sind aber im Recht gewesen, ist ja auch unser Land.
Regenwurm: Weißt, das ist mir so egal wie eure Bauarbeiten. Als Wurm schrumpft die Welt und die Hindernisse werden riesengroß. Ich wäre viel lieber in der warmen Scheiße eines französischen Trüffelschweines als in der kalten fremden Erde die zu betoniert wird.
Rabe: Sonst noch was, sei froh das ich dich nicht auffresse!
Regenwurm: Altes Regenwurmfleisch, glaubst du wirklich, das schmeckt?
Rabe: In Gottes Namen, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sei froh dass es dich nicht schon im Ägyptenfeldzug erwischt hat.
Regenwurm: Da wäre ich jetzt wahrscheinlich eine Mumie. Beide lachen.
Plötzlich nimmt die Krähe den Regenwurm in den Schnabel und trägt ihn davon, seiner Heimat entgegen. Man wird nie erfahren ob die Krähe während ihres langen Fluges doch noch Hunger bekommt. Doch, eines: Die Baustelle kann endlich fertig gestellt werden.
Biografie:
Ewald Linzbauer, ist Autor und lebt in Wörgl. „Anfang Zwanzig ging ich als Uhrmachermeister in den Westen, Tirol (Wörgl). Im Schutz der Berge fand ich den Mut zum schreiben und einiges mehr.“ Publikumspreis Itterer L`tterale, Texte in Anthologien und Hörfunk (ORF). Mitglied der Turmrunde Innsbruck.
Kontakt: elinz@utanet.at

















