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20.09.09

CELLA Strukturen der Ausgrenzung und Disziplinierung

Fragen der Ausgrenzung begleiten jede menschliche Gesellschaft. Die Armenasyle und Leprakrankenhäuser im Mittelalter, die Erziehungsanstalten und Gefängnisse der Neuzeit, Lagerbildungen, Kasernen und Containersiedlungen dienen diesem Zweck der Absonderung und besonderen Kontrolle.

Aber auch die Klöster und Einsiedeleien verfolgen den Zweck einer Abgrenzung zur Gesellschaft, die Zelle als kleinste räumliche Einheit. Ausgrenzung ist auch Eingrenzung, kann auch, wie etwa bei den Einsiedlern, ein selbst bestimmter Akt sein, um Spiritualität besser leben zu können. Mit den gesellschaftlichen Formen der Ausgrenzung gehen spezifische architektonische Formen einher, die sich über die Jahrhunderte nur wenig verändert haben. Ziel ist eine möglichst effiziente Überwachung, der Rhythmus gleichförmiger Elemente, immer im rechten Winkel angeordnet. Die Architektur des zwingenden Blicks lässt sich so von den Gefängnisanstalten, über Klöster, Militäranlagen bis hin zu den im 19. Jahrhundert entstehenden Arbeitersiedlungen der Industriearbeiter und den Containersiedlungen von Flüchtlingen und Immigranten unserer Zeit verfolgen. Wesentlicher Aspekt dabei ist jener der Trennung der Insassen nach dem Geschlecht sowie die Idee der Überwachung und Kontrolle. Der Begriff der Disziplinierung im Sinne bürgerlicher Tugenden spielt dabei eine besondere Rolle. Wobei die gesellschaftliche Ausgrenzung neue, abweichende kulturelle Phänomene ermöglicht, die wiederum einen Stellenwert erhalten können, der Einfluss auf die allgemeinen kulturellen Ausdrucksformen nimmt.
Die Gebäudekomplexe des Complesso Monumentale di San Michele a Ripa Grande in Trastevere sind ein ideales Beispiel dafür. Ihre unterschiedlichen Funktionen über die Jahrhunderte hinweg dienten stets dem Aspekt der Ausgrenzung und Überwachung, immer nach Geschlechtern getrennt: Armenasyl, Spital, Besserungsanstalt für Jugendliche und Gefängnis. Dieser gewaltige architektonische Komplex der Überwachung, in zentralen Teilen von Carlo Fontana in den Jahren 1686 – 1715 unter den Päpsten Innozenz XI, Innonzenz XII und Clemens XI errichtet, ist in Europa einzigartig und soll im Frühjahr 2009 für acht Wochen als Ort einer internationalen Ausstellung aktueller Kunst dienen. 18 Künstlerinnen und 18 Künstler werden eingeladen, die einzelnen Zellen mit ihren Werken zu besetzen, nach Geschlecht getrennt, entsprechend der vorgegebenen architektonischen Struktur. Dabei steht nicht die mediale Ausdrucksform im Mittelpunkt, sondern der inhaltliche Aspekt. Videos, Fotoarbeiten, Installationen sind ebenso so zu finden wie skulpturale Werke, Malerei und Graphik. Angelpunkt ist die Zelle, der kleinste mögliche Ort menschlichen Seins sowie mögliche Gegenwelten dazu. Parallel zu den künstlerischen Arbeiten beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen (Kunstgeschichte, Theologie, Philosophie, Soziologie, Architekturtheorie, Geschichte) mit dem Thema „cella“. 
Das Katalogbuch besteht aus zwei Teilen und enthält neben einer Dokumentation der ausgestellten Arbeiten und wissenschaftlichen Texten zu den einzelnen künstlerischen Werken eine Reihe interdisziplinärer wissenschaftlicher Beiträge zum Thema der Ausgrenzung und Überwachung. Im Rahmen eines offenen künstlerisch-wissenschaftlichen Workshops an der Universität Innsbruck im Anschluss an die Ausstellung in Rom werden die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten für den Complesso Monumentale di San Michele vorstellen und gemeinsam mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Textbeiträge wichtige Positionen zu einem theoretischen Diskurs liefern. Die unterschiedlichen Ausgangspositionen von Wissenschaft und Kunst lassen spannende Brüche, Disharmonien und Gemeinsamkeiten erwarten.



Projektträger: Universität Innsbruck, Institut für Kunstgeschichte, Christoph Bertsch und Silvia Höller

Pressekonferenz: Herbst 2009, Innsbruck
Ausstellung: Herbst 2009, Rom
Workshop und Buchpräsentation: Jänner 2010, Uni Innsbruck

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