Das Museum am Bergisel: Neue Ansichten von Tirol
Museum am Bergisel: Zum Konzept
Tirol Achtzehnhundertneun. Im Zuge des fünften Koalitionskrieges kommt es zum Aufstand gegen die mit Napoleon verbündeten Bayern. Nach großen Erfolgen am Beginn scheitert der Aufstand. An seinem Anführer Andreas Hofer und dem ganzen Land wird ein Exempel statuiert.
Je weiter sie in die Vergangenheit rückten, desto mehr gewannen die Ereignisse von 1809 an Denkwürdigkeit. Es ist kein Zufall, dass das Gedenken in den Jahren 1909 und 1959 besonders intensiv ausfällt. An den Abgründen der Geschichte ist die Erinnerung offenbar besonders lebhaft. Der Mythos von 1809 wird zum Heilsversprechen für ein von Krisen gezeichnetes und – infolge einer „Schlamperei der Weltgeschichte“ (Claus Gatterer) – seit Jahrzehnten geteiltes Tirol.
Tirol Zweitausendneun. Zweihundert Jahre und ein weiteres Jubiläum (1984) später: Die Erinnerung an das Heldenzeitalter ist blass geworden. Die Vergangenheit ist nicht mehr die selbstverständliche Vorgeschichte der Gegenwart. Soll die Geschichte auch außerhalb der Wissenschaft für die Zeitgenossen Bedeutung haben, muss man sie dringend in die Gegenwart zurückholen. Genau das ist das Ziel des neuen Museums. Auf dem Programm steht nicht die Besichtigung eines Heldenzeitalters. Eine Geschichte soll wieder belebt und ein Ort aus dem toten Winkel geholt werden. Von seinem Standort aus eröffnen sich – buchstäblich und im übertragenen Sinn – neue Ansichten auf die Kulturgeschichte Tirols.
Panorama einer Schlacht. Der Rundgang durch das Museum beginnt mit einer Medienwand, auf der die Ereignisse am Bergisel räumlich und zeitlich verankert werden. Die Besucherinnen und Besucher des Museums bekommen ein größeres Bild: Der Aufstand in Tirol war nicht einzigartig. Er ist Teil der neuzeitlichen Gewaltgeschichte Europas, in der sich nicht nur große Kriege zwischen Staaten, sondern auch bewaffnete Revolten und Aufstände im Inneren und ethnische, soziale und kulturelle soziale Konflikte aneinanderreihen. Die Geschichte der Verfeindungen reicht bis in die Gegenwart.
Das Riesenrundgemälde von 1896 ist eines der beiden Hauptexponate des neuen Museums. Weltweit sind noch etwa zwanzig Exemplare aus der klassischen Zeit dieses Massenmediums erhalten. Der Münchner Maler Zeno Diemer (1867-1939) stellte es unter Aufsicht des Historienmalers Franz Defregger (1835-1921) in nur drei Monaten fertig. Auf mehr als tausend Quadratmetern Leinwand verdichten sich darin die Kämpfe der dritten Bergiselschlacht vom 13. August 1809 zu einem beinahe heilsgeschichtlichen Geschehen. Das Gemälde lässt sich als Votivbild zum Herz-Jesu-Gelöbnis des Landes von 1796 lesen, und es wurde auch wirklich zum 100-Jahr-Jubiläum der „Weihe Tirols“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seine Entstehung verdankt das Riesenrundgemälde allerdings recht profanen Gründen: Es sollte als Attraktion für eine „Sport- und Gesundheitsausstellung“ im Jahr 1896 und anschließend kommerziellen Zwecken dienen.
Das Panorama enthält alle Zutaten, die den Mythos Tirol ausmachen: Landschaft und Menschen, den unbändigen Drang nach Freiheit und die enge Verbindung „nach oben“. Das Gemälde dokumentiert eindrucksvoll, wie sich Selbst- und Fremdbilder allmählich zu einem übergeschichtlichen „Tiroler Wesen“ aus Wehrhaftigkeit und Frömmigkeit verbunden haben.
Im neuen Museum wird das Riesenrundgemälde zum Bühnenbild. Nachdem die Besucherinnen und Besucher über verschiedene Stationen mit der Geschichte und den handelnden Personen bekannt gemacht wurden, finden sie sich als teilnehmende Beobachter am Schauplatz eines historischen Dramas wieder.
Das Museum im Museum. Das andere „Exponat“ des neuen Museums ist selbst ein Museum; es befindet sich bereitsvor Ort. Das Kaiserjägermuseum wurde an der Stelle eines alten Schützenhauses errichtet und im Jahr 1880 eröffnet. Mit der Wahl des Ortes als dem „Schauplatz der glorreichen Befreiungskämpfe der Tiroler Landesverteidiger“, wie es im Stiftungsbrief heißt, knüpft die Traditionspflege der Kaiserjäger bewusst an die Zeit von 1809 an. Die Militärgeschichte Tirols im 19. und 20. Jahrhundert erscheint somit als direkte Fortsetzung des Dramas am Bergisel.
Das Tiroler Kaiserjägermuseum bleibt als ein „Museum im Museum“ in seinem Bestand weitgehend unangetastet. Es wird behutsam modernisiert und soll den Charme einer historischen Sammlung behalten.
Zauber eines Landes. Die beiden spektakulären Großexponate Riesenrundgemälde und Kaiserjägermuseum sind durch einen Ausstellungsraum baulich und inhaltlich eng miteinander verbunden. Nachdem sie die Bühne verlassen haben, finden sich die Besucherinnen und Besucher in einer Art Wunderkammer wieder. Zuvor werden sie jedoch darüber aufgeklärt, was sie im Riesenrundgemälde gesehen haben, nämlich eine ziemlich freie Interpretation der historischen Wirklichkeit: Der Feldherr Andreas Hofer war nämlich am Bergisel nicht zugegen, und die trachtenmäßige Uniformierung der Tiroler ist überhaupt reine Erfindung.
In dem zentralen Ausstellungsraum entfaltet sich das Panorama der Kulturgeschichte Tirols. Hier sind keine bekannten Ansichten zu sehen, sondern vielfach gebrochene Facetten einer Kultur, die unbekannter und faszinierender ist, als man es eigentlich erwartet: Tirol ist nicht als „heiliges Land“ erschaffen worden; die „echten“ Tiroler sind das Ergebnis von kunstvoller Selbstdarstellung und Wunschbildern; die immer wieder beschworene Tiroler Freiheit tröstet eigentlich nur über die realen Verluste hinweg, und die Geschichte Tirols ist – nicht zuletzt – auch eine endlose Auseinandersetzung mit einer ebenso feindlichen wie vereinnahmten Natur. „Tirol ist eine Behauptung“, so lautet eine Botschaft der Ausstellung, und das nicht nur gegen die Natur, sondern auch gegen Geschichte und Politik. Die Autonomie Südtirols ist bis jetzt das letzte große Kapitel in der langen Geschichte der Tiroler Freiheit. Die Abwehr von Aufklärung und Modernisierung war lange Zeit der Preis für eine behauptete Eigenständigkeit.
Am Ende des Parcours durch das Museum steht das Europa von heute und morgen. Mit einem Lernzentrum schließt sich der Rahmen, der mit der Medienwand eröffnet wurde. Im Gegensatz zur Gewaltgeschichte des Prologs zeigt der Epilog mögliche Zukunftsszenarien für Europa und Tirol.
Bergisel, eine Ortsveränderung. Als Ort ist der Bergisel selbst Teil und Thema des Museums. Die Besucherinnen und Besucher erleben ein historisches Ereignis an seinem Originalschauplatz. Ein Rundwanderweg variiert das Motiv des Panoramas, indem er sie in eine – sie rundum umgebende – Natur- und Kulturlandschaft versetzt. Dadurch entsteht ein Geflecht von Bezügen zwischen Innen und Außen, in dem Geschichte und Gegenwart einander durchdringen. Nachdem er fast schon in Bedeutungslosigkeit versunken war, wird mit dem Museum wird also auch ein kultureller Ort neu belebt.
Museums am Bergisel: Zu den Themen
Die Dramaturgie für das Museum am Bergisel sieht eine symmetrische Gliederung vor. Drei Akte („Panoramen“), werden von einem Prolog und einem Epilog umrahmt. Die drei Teilthemen des Hauptteiles wirken dabei relativ selbständig und in sich geschlossen, wobei die Panoramenmetapher diesen Eindruck noch verstärkt.
Die drei „Akte“ haben dennoch untereinander Bezug. Teil 1 erzählt von der Schlacht, indem er sie dramatisch nachstellt. Teil 2 beleuchtet die Mythologie / Ideologie eines Landes, wie sie sich Riesenrundgemälde und bis in die Gegenwart manifestiert. Über die Geschichte eines Truppenkörpers erzählt Teil 3 einen Ausschnitt aus der Geschichte Tirols und Österreichs bis zum Ersten Weltkrieg.
Prolog und Epilog liefern die „Orientierung“ und sorgen für die Anbindung an die Gegenwart. Während die Besucher in die großen Themen eintauchen, haben „analytische“ Elemente wie Prolog, Epilog und Panoramascanner bewusst distanzierende und fiktionsbrechende Funktion.
Prolog: „Europa & Tirol“. Eine Geographie der Gewalt
Die Besucher werden auf das Thema des Museums eingestimmt. Zwei Aspekte sind dabei wesentlich: Erstens, der Konflikt am Bergsiel hat eine europäische Dimension und, zweitens, kriegerische Ereignisse bilden ein zentrales Element der europäischen Geschichte. Die Botschaft lautet: „Sie sind mitten in Europa, an einem Ort, der einmal ein Schlachtfeld war.“
Objekt: Medienwand „Europa – ein Bild der Gewalt“. Die Informationen enthalten Angaben zu Ort / Datum / Art des Ereignisses / Konfliktparteien / Angabe zu Truppenstärken / Ausgang / Verluste und werden über Texte, Bilder und Animationen dargeboten.
I. 13. August 1809: Panorama einer Schlacht
Die Protagonisten
Die Besucher lernen die wichtigsten Figuren kennen. Diese treten nicht in den gewohnten Heldenrollen auf, sondern verkörpern die Kräfte und Interessen, die in der Schlacht aufeinanderprallen. Die „Namenlosen“ werden dabei nicht vergessen oder dem bloßen Gedenken überlassen.
Objekte: Geschnitzte Holzskulpturen; die Figuren stehen zwar auf Podesten und überragen die Besucher, sind aber auf die Hälfte oder zwei Drittel ihrer Lebensgröße verkleinert. Patriotisches Pathos und der Eindruck von rein personenbezogener Geschichte sollen dadurch verhindert werden. Durch die realistische Ausführung der Gesichter, charakteristische Gesten oder Details sind die Protagonisten eindeutig wiedererkennbar.
Medien:Informationen zur Masse der Kämpfenden …
Die Handlung: Was bisher geschah …
Es geht um eine geraffte Darstellung der Kontexte zum Ereignis (Französische Revolution, Koalitions- bzw. Napoleonische Kriege) und der großen historischen Zusammenhänge („Zeitenwende“: Prozesse der Staatsbildung, Ende des Deutschen Reiches, Degradierung Tirols zur Provinz etc.). Die Botschaft: So hängen Ereignis, Geschehen und Geschichte zusammen
Medium: Text
Das Szenario: Die Lage vor der Schlacht
Das Ereignis in Zahlen und Fakten. Neben Herkunft, Stärke und Bewaffnung der Truppen auf beiden Seiten, werden Informationen zu Kommunikation, Organisation, Befehlsstrukturen, Strategie und Kriegstechnik vermittelt.
Medien: Visualisierung von quantitativen Verhältnissen durch visualisierte Tabellen und narrative Graphiken zu Bewegungen und Operationen; militärgeschichtliche Details über Audio
Am Vorabend der Schlacht:Die Stimmung
Die Besucher werden in das Geschehen versetzt. Die Distanz zum Geschehen verringert sich auf Null: „Morgen geht es endlich los.“ Und: „Am Abend bin ich vielleicht tot.“ Die Erzählung wird zum Drama.
Medium: Hörbild über offenen Ton. Konzept: Gunter Schneider; verschiedene Szenen auf sechs bis zehn Stationen im Raum verteilt; wechselnde Stimmungen und Atmosphäre, Überblendung durch die Bewegung der Besucher im Raum; Dauer der einzelnen Bilder zwischen 10 und 15 Minuten.
Das Riesenrundgemälde: Illusion und Immersion
Das Geschehen ist am Höhepunkt angekommen. Die Schlacht tobt lautlos.
Die Besucher befinden sich als beobachtende Teilnehmer in der Mitte des Geschehens und staunen. Die Botschaft lautet: „Schau!“ (Das Bild ist die Botschaft.)
Panorama-Scanner: Fiktion der Fakten / Elemente des Mythos
Das rahmenlose Bild wird in Segmente zerlegt und ikonographisch analysiert. Der Scanner tastet das Gemälde ab und identifiziert jene identitätsbildenden Elemente, die im Raum der Panoramen gezeigt und überprüft werden.Botschaft: Das Riesenrundgemälde ist nicht die Wirklichkeit, sondern ein Bild.
II. Tiroler Dinge und Zeichen. Panorama eines Landes
„Die Tiroler Freiheit“: Widerstand und Beschwörung
Die politische Kultur Tirols ist vom Widerstand gegen Zentralismus und Staatsbildung geprägt. Im Gegenzug werden die traditionellen Freiheiten beschworen. Antizentralismus und Traditionalismus sind auch die Triebkräfte für den Aufstand von 1809. Danach wird die Freiheit zum Mythos: Tirol, die Geschichte einer Behauptung.
Objekte: Dokumente der Freiheit: Landlibell 1511, Symbole der Aufklärung „von oben“ und des Widerstandes, Insignien der Macht; Zeichen von Stolz, Eigensinn und bedrohter Identität.
„Heiliges Land Tirol“: Frömmigkeit, Aberglaube und religiöse Diplomatie
Man sieht die Vielfalt der religiösen Kultur in Tirol. Christentum und außerchristlich-magische Elemente verbinden sich zu einer Einheit, Politik und Religion sind eng verwoben. Tirol ist eine Glaubensfrage.
Objekte: Verkörperungen des Heiligen, magisch-außerchristliche Objekte, Instrumente für den religiösen Hausgebrauch und den öffentlichen Kultus, Votivtafeln und Heiligendarstellungen, Zeichen der politischen Religion
„Über die Tiroler“: Das Selbstbild ist das Fremdbild ist das Fremdbild
Hier sieht man Tiroler und Tirolerinnen von heute. In Selbstaussagen und inszenierten Fotographien werden Menschen aus Tirol porträtiert. Ausgewählte Dinge stehen für historische Selbst- und Fremdbilder und zeigen „die Tiroler“ in ihren Lieblingsrollen.
Objekte: Medieninstallation „Tiroler/in (m., w.), echt“; Kostüme, Requisiten und Attribute der Tiroler, Typisches und Triviales, Memorabilien bekannter Tiroler und Tirolerinnen
„Das Land im Gebirge“ oder die Schwerkraft der Berge
Das Land liegt fast zur Gänze in den Alpen, nur etwa zwölf Prozent sind Dauersiedlungsraum. Die Eroberung der Natur beginnt mit Besiedelung und landwirtschaftlicher Nutzung und reicht bis zum ihrem ästhetischen Genuss als Landschaft. Die Geschichte Tirols ist eine Auseinandersetzung mit der Natur. Die Berge sind unumgänglich und Teil der Identität.
Objekte: Großdiorama: Kulisse aus „charismatischen“ Bergen und Naturcapriccio; Instrumente der Aneignung: Wissenschaft, Technik, Straßen- und Tunnelbau, Alpinismus, Militär, Sport, Transit; Zeugen der Natur ohne Menschen: Steine, Pflanzen, Tiere.
III Die Tiroler Kaiserjäger. Das Panorama einer Truppe
Einführung: Das nationale Zeitalter 1816 – 1918
Im Raum der Panoramen sind die Besucher und Besucherinnen der Natur und Kultur Tirols begegnet. Das Kaiserjägermuseum zeigt an einem Spezialthema, wie die Geschichte nach dem „Heldenzeitalter“ Tirols weitergeht. Am Beispiel eines Truppenkörpers, der schicksalhaft mit Tirol verbunden ist, wird ein Kapitel aus der der Tiroler und der österreichischen Militärgeschichte erzählt.
Medien: Themenkatalog und Zeitleiste; Text- und Bildcollage über den Alltag in Krieg und Frieden
Das Museum: Frieden, Krieg, Persönlichkeiten
Das Regimentsmuseum der Tiroler Kaiserjäger spiegelt aus Sicht des Truppenkörpers die Entwicklung des altösterreichischen Militärs und der Jägertruppe im 19. Jahrhundert. Es geht um das Regimentsleben und die Einsätze sowie um herausragende Persönlichkeiten.
Epilog: Tirol & Europa, heute und morgen
Mit dem Raum schließt sich der Rahmen, der die der „Panoramen“ locker umgibt. Aus der einen statischen Karte des Prologs wird ein Multimediasystem, das komplexe Phänomene wie politische Institutionen, wirtschaftliche Prozesse, demographische Entwicklungen etc. dynamisch kartographiert.
Michael Huter, Februar 2009
Bergisel Museum Innsbruck
Gesamtkonzeption und Ausstellungsgestaltung
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Konzeption und Entwicklung der Inhalte
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