Der göttliche Traum
Der göttliche Traum
Wenigstens seinen geliebten Rosenkranz hatte man Andreas gelassen. Zitternd holte er ihn aus seiner Hosentasche und hielt sich Hilfe suchend an ihm fest. Der zum Tode Verurteilte kniete sich auf den harten Steinboden nieder und bekreuzigte sich. „Im Namen des Vaters...und des Sohnes ...und des Heiligen Geistes....Vater unser, der du bist im Himmel....“ Entschieden schüttelte er den Kopf. „Nein, ich kann mich nicht auf das Beten besinnen. Die letzten Stunden meines Lebens sind angebrochen....letzte Stunden...wie das klingt. Niemals wieder meine Anna sehen, die Kinder, die Sonne auf der Haut spüren, durch den Schnee stapfen, Weihnachten erleben, niemals wieder.“ Verzweifelt schluchzte er. „Vater im Himmel, hilf mir. Ich habe so entsetzliche Angst. Das vertraue ich aber nur dir an. Niemals würde ich das vor anderen zugeben. Stolz werde ich zu meiner Hinrichtung schreiten. Meine Feinde werden mich nicht zittern sehen. Nicht mich! In ein paar Stunden kommen sie. Mit ihren Gewehren werden sie auf mich zielen. Was geschieht danach? Dunkelheit? Stille? Fegefeuer? Hölle? Das Paradies sicher nicht. Zu viele mussten durch mich sterben, unzählige Familien wurden auseinander gerissen. Oh, könnte ich doch nur alles rückgängig machen! Vater im Himmel.... wenn es dich wirklich gibt, antworte mir, ich flehe dich an!“ Bitterlich weinend setzte er sich auf seine Liegestatt und verbarg sein Gesicht in den Händen. „Bitte, passe gut auf meine Familie auf. Sie mussten schon so viel Leid ertragen.“ Auf einmal überfiel ihn lähmende Müdigkeit. „Was ist mit mir? Ich kann doch die letzten Stunden meines Lebens nicht verschlafen. Ich muss noch beten und.....“ Es wurde dunkel. Plötzlich wuchs vor ihm eine mächtige Lichtsäule in die Höhe, die an Schönheit nicht zu übertreffen war. Andreas schreckte hoch und blickte sie mit weit aufgerissen Augen, sprachlos an. Es war ein fantastisches Bild, welches sich ihm bot. Eine sanfte Männerstimme sprach zu ihm. „Andreas, wieso bist du jetzt so still? Ich dachte, du sehnst dich nach einem Gespräch mit mir.“ Der Mann wollte aufspringen und sich demütig auf die Erde werfen, doch er konnte sich nicht rühren, so sehr er es auch versuchte. „Bist du Gott, der allmächtige Gott?“ Das Licht strahlte immer heller. „Die Menschen geben mir viele Namen. Du kannst mich nennen, wie du willst.“ „Herr, ich habe Angst. Bitte, bringe mich hier heraus. Ich verspreche dir auch, dass ich niemals wieder Unrechtes tun werde.“ Für Augenblicke blieb es still in der kargen Gefängniszelle. „Das geht nicht.“ Entsetzt starrte Andreas in das Licht. „Du bist doch allmächtig!“ „Andreas, du hast einen Lebensweg gewählt, der von Blut, Tod und Trauer geprägt ist. Du musst diesen Weg zu Ende gehen, denn du hast ihn für dich erwählt.“ Andreas schluchzte auf. Die letzte Hoffnung war dahin. „Was habe ich dann davon, dass du hier bist?“ „Das wirst du noch merken.“ „Herr, du liebst mich nicht.“ „Doch, mehr als du dir vorstellen kannst.“ In seiner Verzweiflung wurde Andreas wütend. „Wieso lässt du es überhaupt zu, dass es Kriege gibt, Elend und Zerstörung?“ Das Licht verlor an Kraft. „Wenn ihr Menschen einen Sündenbock braucht, komme ich euch immer gerade recht. Wenn es euch aber gut ergeht, höre ich selten etwas. Ein `Danke` würde mir schon genügen. Ihr macht es euch zu einfach. Ich habe euch wunderbare Geschenke gemacht. Mutter Erde mit ihrer Pracht und Schönheit, das Leben, Liebe, Gedanken, Gefühle, Gewissen und so vieles mehr. Schau dich um, wie achtlos ihr seid. Ihr liebt nicht, ihr begehrt. Ihr freut euch nicht, über das, was ihr besitzt, ihr wollt immer mehr. Aus Neid und Unzufriedenheit entstehen Kriege. Nicht weil ich es will. Warum sollte ich zerstören, was ich erschaffen habe?“ Andreas wurde kleinlaut. „Herr, ich bin nicht so.“ „Doch Andreas. Auch wenn du gläubig bist und betest, hast du dich vor diesen jämmerlichen Karren spannen lassen." „Vater, hätte ich das nicht getan, hätte ich als Feigling gegolten und hämischer Spott wäre die Folge gewesen. So habe ich für meine Heimat große Siege erringen können.“ „Ich weiß, aber zu welchem Preis? Andreas, du wärst kein Feigling gewesen. Wirkliche Feiglinge sind ganz andere, nämlich die, welche dich vorgeschickt haben. Sie leben in Freiheit und du bist hier. Helden sind nicht immer die Lautstarken. Helden sind stille Menschen, die zu sich selbst stehen und sogar Ängste zugeben. Ihr Menschen versteht kaum etwas, vom wirklichen Leben in Liebe.“ „Vater, das kannst du von mir aber nicht behaupten. Ich liebe meine Frau und meine Kinder sehr.“ Das Licht bewegte sich leicht. „Andreas, Andreas. Dass du deine Kinder liebst, glaube ich dir gerne. Aber deine Frau? Ich habe es dir bereits gesagt. Liebe, wie ihr sie versteht, ist nicht die, von der ich spreche. Eure Liebe begehrt den Körper. Oder hast du dich nicht gerne mit anderen Frauen vergnügt? Die Liebe ist etwas Heiliges, mein Sohn und ist mehr im seelischen Bereich zu finden, als im körperlichen.“ „Herr, woher sollen wir wissen, was richtig und was falsch ist, du sprichst ja nicht mit uns.“ „Jetzt betest du jeden Tag und willst sagen, du kennst die zehn Gebote nicht?“ Andreas schämte sich und schwieg betreten. An die hatte er überhaupt nicht mehr gedacht. „Wenn ihr euch an ihnen orientieren würdet, könnte euch nichts geschehen, ihr wärt heil.“ Während das Licht zu ihm sprach, plagte Andreas eine wichtige Frage. „Vater, warum hat Raffl mich verraten und verkauft?“ Das Licht verdunkelte sich noch mehr. „Warum tun Menschen so etwas? Armut, Gier, Not? Ein Krieg holt nicht die guten Seiten hervor. Denk nach. Wie viele Mütter gibt es, die sich fragen, warum musste mein Sohn sterben, mein über alles geliebtes Kind? Wofür? Für ein paar machthungrige Köpfe, die sich selbst nie die Hände mit Blut beschmieren würden. Dafür.“ „Herr, du hättest das alles verhindern können. Wer sonst, wenn nicht du?“ „Ich mische mich bei euch Menschen nicht mehr ein. Alles was ich euch gegeben habe, tretet ihr mit Füßen. Kannst du dir vorstellen, wie sehr mich das schmerzt? Es werden Zeiten kommen, wo alles noch viel schlimmer wird. Mutter Erde, die euch alle nährt und schützt, wird ersticken unter der Menschheit, schlimme Krankheiten und Katastrophen werden die Folgen sein und mir werden sie die Schuld dafür geben. Keiner wird sie bei sich suchen, heute nicht und niemals.“ „Vater, was erwartet mich nach den tödlichen Schüssen? Hölle? Fegefeuer?“ Das Licht wurde wieder heller. „In der Hölle warst du bereits, mein Sohn, oder wie würdest du Schlachtfelder sonst nennen? Das Fegefeuer erlebst du hier in dieser Zelle, erschüttert von Angst, Pein und schlechtem Gewissen. Lasse dich überraschen was kommt. Kein Lebender darf wissen, was `danach` ist. Ich sage dir nur soviel, im Moment deines Todes, wirst du von mehr Liebe umgeben sein, als du dir vorstellen kannst.“ „Vater, erlebe ich hier nur einen Traum oder Wirklichkeit?“
„He, du, aufwachen, sonst verschläfst du noch deine eigene Hinrichtung!“ Rücksichtslos stießen die beiden Wärter mit ihren Stiefeln auf Andreas ein. Dieser funktionierte zwar noch und richtete sich langsam auf, jedoch er spürte nichts mehr. „Steh endlich auf, du Rüpel! Hast du das schon einmal gesehen? Er schaut drein, als ober er zu seiner Hochzeit ginge und nicht zu den Gewehren, die ihm endlich den Garaus machen.“ Leise flüsterte Andreas: „Alle, die durch mich leiden mussten, bitte ich um Verzeihung. Es war mir nicht bewusst, was ich anrichtete.“ Die Männer lachten höhnisch und stießen Andreas vor sich her. Dessen entrückter Gesichtsausdruck verschwand nicht einmal, als er im kalten, nebligen Hof vor den Gewehren stand, Schüsse die Stille durchschnitten und seine Seele für immer den Körper verließ.
Einer liegt da, der andere dort
Jeder stirbt an einem anderen Ort
Einmal eine Kugel, einmal ein Schwert
Einmal ein Panzer, einmal ein Pferd
Dem Krieg ist jedes Mittel recht
Er freut sich über jedes Pech
Biografie:
Maximiliana Pia Priewasser, ist Autorin und lebt in Kirchbichl. Sie schreibt mit großer Hingabe Kinderbücher. Die Thematik zum „Gedenkjahr 2009“ faszinierte die Autorin und sie schrieb mehrere Geschichten dazu. „Ich habe mich in die Personen und ihre Zeit hineinversetzt und mitgefühlt, denn oberflächlich darf man die Tiroler Vergangenheit nicht sehen.“ Kontaktadresse: sold.prie@chello.at
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