Tirol und Südtirol grüßen Wien
13.-14.06.09
Landesfesttage
18.09.-20.09.09
Landesfestumzug
20.09.09

„Freiheit fordert Opfer“

„Ihr wollt die Freiheit zurück erobern. Welche Freiheit, was versteht ihr denn unter Freiheit? Ihr zieht in die Schlacht und lässt die Familien allein zurück. Erinnere dich, was im Mai passiert ist. Hast du das vergessen?“ schrie Agnes. Sie wollte verhindern, dass ihr Mann noch einmal in die Schlacht zieht.


Freiheit fordert Opfer
 
Es war schwül an diesem Nachmittag im August. Der Eberhöfer Bauer war schon einige Zeit im Riedfeld draußen und rechnete die letzten Heureste zusammen, um damit den Wagen zu beladen. Viel war nicht mehr zu tun, dann war der ganze Schnitt wieder eingebracht. Hannes nahm seinen Hut ab, wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und schaute nach oben. Dunkle Haufenwolken verdeckten den Himmel, das Gewitter wird nicht mehr lange warten lassen. „Eigentlich bin ich fertig“, meinte Hannes zu sich und setzte den Hut wieder auf. Er gabelte die letzten Heubüschel auf und verlud sie auf dem Wagen. Gabel und Rechen legte er oben darauf. Die beiden Ochsen waren vorgespannt und warteten geduldig. Mit ihren Schwänzen wedelten sie die lästigen Fliegen ab.
 
Unweit vom Riedfeld, dort wo der Waldhang beginnt, stand eine mächtige Eiche und daneben das alte Wegkreuz. Hannes ging langsam dort hin, wie immer, wenn die Arbeit im Riedfeld getan war. Das war so der Brauch beim Eberhöfer Bauern. Das Wegkreuz stand schon lange dort, ganz abgewittert. Davor stand ein Einweckglas mit verwelkten Blumen, neben dem Wegkreuz stand eine alte Bank oder was davon halt noch übrig war.
 
Hannes blieb stehen und nahm den Hut ab. Er legte seine Hände übereinander und mit dem Daumen klemmte er den Hut darüber, wie man das halt macht, wenn man ein Gebet verrichten will. Schnell machte er ein Kreuzzeichen. „Herrgott ich dank dir schön“, stammelte Hannes vor sich hin, mehr fiel ihm nicht ein. Er bekreuzigte sich nochmals, drehte sich um und schaute kurz zur Voregge hinauf, oben beim Waldrücken. Gott sei Dank war nichts zu sehen. Hannes schaute an diesem Tag schon öfters hinauf zur Voregge und wurde immer unruhiger. Noch einmal blickte er zum Wegkreuz und dann ging er langsam zum Heuwagen.
 
„Vielleicht ist ´s doch nur ein Gerede, es muss nicht immer alles wahr sein“, redete Hannes vor sich hin. Seit Tagen erzählte man im Dorf, dass Bayern, Franzosen und Sachsen neuerdings vom Unterinntal herauf das Land besetzen und dass eine weitere Schlacht nicht ausbleiben wird. Schon im April musste Hannes einrücken, war tagelang weg und kämpfte am Bergisel unter Andreas Hofer, bis sie alle wieder vertrieben waren. „Die Sauvölker, die verdammten“, meinte Hannes zu sich. Aber es hat nicht gereicht, damals im April. Wochen später besetzten die Bayern wieder das Land, die Unterinntaler konnten sie nicht aufhalten. Die Bayern plünderten und verbrannten ganze Dörfer. Andreas Hofer rief wieder zum Kampf, die Tiroler stellten sich. Hannes war auch bei dieser Schlacht dabei, Ende Mai am Bergisel. Ein Tag und eine Nacht genügten und der Feind war besiegt. Am 1. Juni war Tirol wieder frei.
 
Bei dieser Schlacht verletzte sich Hannes schwer, ein Bayer stach ihm das Bajonett in die Schulter. „Aber den Saubayern hab ich mit der Gabel erstochen!“ schrie Hannes vor sich hin. Seine Hände ballten sich dabei zu Fäusten. Die Nacht vom 29. Mai auf den 1. Juni 1809 kann Hannes nicht vergessen und seit diesem Kampf ist er auch merkbar unruhiger. Seine Frau Agnes machte ihm schlimme Vorwürfe.
 
Die beiden Ochsen zogen gemütlich den Heuwagen, Hannes ging daneben her. Weit war es ja nicht mehr bis zum Eberhöfer Hof. Der Himmel verfinsterte sich zusehends. Hannes blickte wieder einmal unruhig zur Voregge hinauf und erschrak. „Das Greinfeuer brennt, Herrgott im Himmel! Ist das wirklich wahr?“ Er hielt seine Ochsen an und schaute noch einmal hinauf. Das Greinfeuer war das Zeichen zum Kampf, so war es ausgemacht und bei der Voregge war der Greinplatz. Kein Zweifel, das Feuer brennt, Hannes konnte es deutlich erkennen. Das bedeutet, dass die Tiroler morgen wieder in den Kampf ziehen müssen. Hannes wischte sich den Schweiß aus seinem Gesicht und trieb die Ochsen wieder an.
 
Die Stallarbeit ging Hannes gar nicht gut von der Hand und er war froh, dass sein Sohn Josef mithalf. So ging es etwas leichter und auch schneller. Zwei Kühe mussten gemolken werden, die anderen Tiere waren noch auf der Alm. Das beruhigte Hannes ein wenig, zwei Kühe kann auch Agnes für ein paar Tage versorgen, wenn er weg muss, und die Kinder helfen auch mit. Der Franz schaute einmal kurz in den Stall herein. Als er den kleinen Josef sah, sprach er nur wenig mit Hannes. Er deutete nur in Richtung Greinfeuer und Hannes nickte ihm zu. Franz war Schützenhauptmann und wollte sich vergewissern, ob Hannes das Greinfeuer bemerkt hat. Den beiden Männer war nicht sehr nach einer längeren Unterhaltung zumute.
 
Die Stalltür sprang auf und die kleine Nanni stolperte herein. „Tati, es war zum Essen, die Mama wartet schon!“ Seine kleine Tochter brachte Hannes auch an diesem schweren Tag zum Lachen. „Ist schon recht, Nanni“, rief er ihr zu. Draussen blitzte und donnerte es, das Gewitter entlud sich.
 
Am Abend war es am Eberhöfer Hof ruhig, die Kinder waren schon zu Bett gegangen. Agnes saß beim Tisch und im Schein der Petroleumlampe stopfte sie Socken. Sie mühte sich dabei, das Licht war gar nicht gut. Hannes lag eine Zeit lang auf der Bank, setzte sich jetzt auf und sah zu Agnes. Er wusste, dass er jetzt mit ihr reden muss. 
 
Er stand auf und sagte ganz ruhig zu Agnes: „Musst mir meine Sachen zusammen richten, Agnes. Das Greinfeuer brennt!“
 
Agnes erschrak, legte die Sachen beiseite und stand schnell auf. Sie stellte sich vor Hannes hin und stützte ihre Arme in der Hüfte. „Du wirst nicht in einen weiteren Kampf gehen. Du hast es mir versprochen, wie du im Juni verletzt heimgekommen bist. Du hast gesagt, es ist zu Ende!“
 
Hannes versuchte zu beschwichtigen. „Das stimmt, Agnes. Aber es muss sein und zwar das letzte Mal. Versteh das bitte!“
 
Agnes ließ sich nicht beruhigen und wurde jetzt lauter. „Nein Hannes! Auch nicht das letzte Mal. Du warst schon bei zwei Schlachten dabei. Geholfen hat es nichts. Auf keinen Fall lass ich dich noch einmal gehen. Es reicht!“
 
Agnes“ rief Hannes jetzt, „die Bayern haben unser Land wieder besetzt. Wir müssen sie zurück schlagen. Tirol muss frei werden und bleiben. Unser Volk braucht die Freiheit. Das ist das höchste Gut und dafür werden wir noch einmal kämpfen. Es wird nicht lange dauern, wir werden sie verjagen. Deshalb muss ich gehen, es ist unsere Pflicht, dafür zu kämpfen.“
 
Agnes schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, du wirst nicht gehen, auf keinen Fall. Deine Wunde ist noch gar nicht ausgeheilt, du brauchst nicht zu gehen. Es kann dich niemand dazu zwingen, du bist verletzt. Ich will, dass du da bleibst, ich habe Angst!“ Agnes deckte ihr Gesicht mit den Händen zu und weinte.
 
Hannes ging auf sie zu und nahm sie in seine Arme. „Brauchst keine Angst haben, in ein paar Tagen werde ich wieder zurück sein.“ Hannes drückte seine Frau an sich.
 
Agnes riss sich los und schrie: „Ihr wollt die Freiheit zurück erobern. Welche Freiheit, was versteht ihr denn unter Freiheit? Hannes! Ihr zieht in die Schlacht und lässt die Familien allein zurück. Erinnere dich, was im Mai passiert ist. Hast du das vergessen?“
 
„Nein, nein, Agnes. Ich weiß, was passiert ist. Und deshalb ist es wichtig, dass wir die Feinde wieder zurück schlagen.“
 
Agnes rief laut: „Ist es Freiheit, wenn ihr in den Kampf zieht und eure Frauen daheim von den Feinden vergewaltigt werden? Ist es Freiheit, wenn die Kinder gezwungen werden, mit anzusehen, wie ihre Mütter von den Soldaten entehrt werden? Ist das Freiheit, wofür ihr kämpft?“
 
„Nein Agnes, das ist schrecklich und niemand will das“, sagte Hannes
 
„Welches Glück hatte ich, dass die Kinder und ich an diesem Tag nicht da waren. Was wäre wohl sonst passiert? Schau unsere Nachbarin an, sie hat es erwischt. Seit dem Tag kann sie sich nicht mehr erfangen, sie ist mit ihren Nerven am Ende. Furchtbar ist das!“ Agnes weinte. „Ihr sollt zu Hause bleiben und eure Familien schützen!“ Agnes weinte bitterlich und legte ihre Arme um den Hals von Hannes. Sie schluchzte: „Ich habe Angst um dich, ich habe Angst um unsere Kinder und ich habe Angst um mich. Ich will nicht, dass du wieder in den Kampf ziehst. Versprich mir das!“ Agnes küsste Hannes und löste sich und ging langsam zur Türe. Noch einmal drehte sie sich um und sagte ruhig: „Bitte bleib da, versprich es mir.“
 
Hannes blieb in der Stube sitzen und dachte nach. Je mehr er nachdachte, desto zorniger wurde er. „Diese Sauhunde müssen wir vernichten, wir werden sie erschlagen und deshalb muss ich in diesen Kampf“, dachte er zu sich. Er stand auf, ging zum Wandschrank und holte die Schnapsflasche heraus. Einige Male nahm er einen kräftigen Schluck aus der Flasche, dann übermannte ihn die Müdigkeit. Er legte seine Arme auf den Tisch und seinen Kopf darauf und schlief ein.  
 
Noch vor Tagesanbruch wachte er auf und rieb sich mit seinen Händen die Nacht aus dem Gesicht. Er ging ruhig in die rückwärtige Kammer und packte seine Sachen zusammen. Dann kniete er sich vor dem Herrgottswinkel nieder und betete: „Herrgott beschütze meine Familie, ich bitte darum. Beschütze mich im Kampf und lass mich gesund heimkehren. Ich bitte darum.“ Er stand auf, benetzte einen Finger mit Weihwasser und bekreuzigte sich. Dann nahm er seine Sachen und ging langsam aus dem Haus. Aus dem Stall holte er sich eine Heugabel.
 
Auf der Straße blieb er noch einmal stehen, schaute zurück zum Eberhöfer Hof und bekreuzigte sich nochmals. Dann sah er auch schon andere Gefährten kommen und gemeinsam gingen sie zur Sammelstelle. Es gab viel zu bereden.
 
15000 Tiroler Schützen fanden sich am Bergisel ein, Andreas Hofer führte sie in die dritte Schlacht. Die tapferen Männer siegten und Tirol war wieder frei.
 
Hannes kam aus dieser Schlacht nicht mehr zurück und nie erfuhr Agnes, wie er zu Tode gekommen ist. Die Eberhöfer Bäuerin bewirtschaftete den Hof noch viele Jahre allein und erzog ihre beiden Kinder, so gut es ging. Den Begriff Freiheit deutete die Eberhöfer Bäuerin von dieser Zeit an aus einem anderen Blickwinkel. 
 
 
Biografie:
 
Gerhard Gurschler ist Autor und Erzähler und lebt in Wörgl/Tirol. Er ist Obmann des Vereines „Kunstquadrat“, Plattform für Künstler/Innen aller Arten. Er ist Ansprechpartner und leitet die Aktivitäten zu diesem Kunstfenster.
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