Friedl Weiss, in einer Innsbrucker Bar mit Hitler
Der ist mit mir in eine Bar gegangen, eine ganz kleine Bar, wo nur zwei Logen waren und hat mich so in seiner Art interviewt. Er hat gesagt, nicht gefragt: „Was halten Sie von einem Menschen, der lungenkrank ist? Ist der gesund?“ Sag ich: „Na.“ „Sehen Sie, das sind die Juden für uns.“ Und da hat er mir sein ganzes Programm entwickelt. Aber damals war er noch so weit, dass er gesagt hat, er würde für die Juden Madagaskar kaufen. Und alle Juden dort. Er will die Welt frei machen von den Juden. Denk ich, das ist ja ein Narr und sag: „Da werden Sie ja die ganze Welt in Brand stecken mit Ihren Ideen. “Sagt er: „Das will ich auch“. Er geht weg, er wollte mich nach Haus bringen. Ich bleib. Und der Barkeeper kommt auf mich zu geschossen wie ein Rabbi und sagt: „Wissen Sie, wer das war?“ Sag ich: „Ja, ein Narr!“ „Was ein Narr, das war der Hitler!“ Sag ich: „Wer ist der Hitler?“ Sagt er: „Sie kennen die neue Partei nicht?“ „Ach, schon wieder eine neue Partei! Ach, darum. Das ist ja ein Narr.“ Drei Jahre später, 33 bin ich gerade wieder in Berlin im Theater der Hermannstadt engagiert. Gehen wir auf die Strasse, seh ich einen ganzen Zug, eine Prozession SS-Männern. Und die singen: „Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen.“ Sag ich zu meiner Schwester: „Du, das ist der Narr! Er war in SA-Uniform. Jesus, das sind die Nazi“. Mit einem Wort, der Hitler hat mir damals alle Rosinen bei dem Interview versprochen. Wie er weggeht sagt er: „Wenn Sie einmal Schwierigkeiten haben, richtigen Sie sich an mich.“ Da denk ich, red ich gar nicht, ist er weggegangen...
Bevor Hitler in Österreich war, habe ich ihn erlebt in Berlin. Da habe ich bei Nacht und Nebel verschwinden müssen, weil mich ein Kollege bei der Gestapo angezeigt hat. Wir sind gekündigt worden, aber davor gab es noch eine Premiere. Meine Schwester, Schramm hat sie sich genannt, ich hab meinen Namen behalten – und ich wurde eingeladen. Zum Schluss beim Deutschlandlied bin ich gestanden und hab gesungen „ Gott erhalte, Gotte beschütze.“ Der Kollege auf der einen Seite hat mich angezeigt. Der auf der anderen ist zu mir gekommen nach der Premiere. „Du musst sofort verschwinden.“ Den nächsten Zug soll ich nehmen. Morgen kommen sie dich holen. Ich war nicht lange in Wien. Trotzdem bin ich wieder zurück nach Berlin.
Da hab mich an Innsbruck erinnert und Hitler geschrieben. Ich habe mehrfach Briefe geschrieben. Ich bin oft angezeigt worden, mir ist nicht passiert, bin in kein KZ.
Er war kein hässlicher Mensch. Er war nicht sehr groß. Er war ein bisserl größer als ich. Er hatte faszinierende Augen. Und mit diesen Augen....! Wer hat den Hitler denn gewählt in Österreich? Die Frauen waren alle narrisch auf ihn. Auf mich hat er keinen Eindruck gemacht.
Biografie
Friedl Weiss, geboren 1896, wächst in Wien auf. Sie kann sich an die Zeit erinnern, in der noch Pferde die Straßenbahn ziehen und es auf den Strassen noch keine Autos gibt. Als sie in der Volksschule zum Opernball kommt, steht für sie fest, dass sie Tänzerin wird. Sie setzt ihren Willen anfänglich zum Entsetzen der Mutter mit Hilfe des Vaters durch. Vierzehnjährig wird sie in ein Ensemble aufgenommen, mit dem sie durch ganz Europa kommt und dabei vor allem in St. Petersburg und Moskau weiter ausgebildet wird. Der Entschluss zur Gesangsausbildung in Köln ist das Ergebnis einer länger nicht identifizierten Magenerkrankung, mit der Prognose, dass sie nach der Gallenoperation nicht mehr werde tanzen können. Nach dem Ersten Weltkrieg ist Friedl Weiss nicht nur mit einem Soloprogramm in der Wiener „Hölle“ zu sehen sondern singt u.a. auch in der Operette „Friederike“ im Strauß-Theater, die Fritz Löhner-Beda für sie schreibt. Sie erhält in den Folgejahren traumhafte Heiratsangebote von Millionären, die sie mit der Bemerkung „Ich lasse mich nicht kaufen. Ich wollte ein freier Mensch sein“ alle ablehnt.
Kommentar
Die Sängerin und Tänzerin Friedl Weiss, geboren 1896, erzählte ihrer Lebensgeschichte Ruth Deutschmann vom Österreichischen Zeitzeugenarchiv in ihrem hundertsten Lebensjahr. Im Videointerview (90 Minuten) werden vor allem bemerkenswerte Kapitel des kulturellen und politischen Nachlebens des alten, großen Österreich angesprochen.
Ihre Geschichte mit Adolf Hitler (1930!) in einer kleinen Bar in Innsbruck ist sowohl vom angegebenen Datum her als auch hinsichtlich des Kapitels „Hitler und die Frauen“ ein Zeitzeugnis der besonderen Art. Das Datum ist kein Versprecher. Zumindest bezieht sie sich im Interview darauf, und sagt „Drei Jahre später, 1933,…“ und bekräftigt damit das Datum ihres Erlebnisses in Innsbruck
In einem Vorgespräch erzählte Friedl Weiss, im Interview dann nicht mehr vollständig - wie Hitler auf sie aufmerksam geworden ist. Sie habe sich nämlich über den Tourneeveranstalter, der mit der Gage säumig war, mit der Bemerkung ausgelassen: „Der Jud zahlt schon wieder nicht“. Hitler deutete diese Bemerkung völlig falsch als ideologisches Bekenntnis.
© Ruth Deutschmann, Österreichisches Zeitzeugenarchiv, Kommentar: Ekkehard Schönwiese
© Bild: Österreichisches Zeitzeugenarchiv
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