Tirol und Südtirol grüßen Wien
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Landesfestumzug
20.09.09

Fritz Schopf, drei Sommer in Tirol

Dann war es den Eltern wichtig, etwas anderes kennen zu lernen: Tirol. Das heilige Land Tirol, wie man damals sagte, oder heute noch, mit der hochkatholischen Bevölkerung.

Da waren wir zuerst in Kitzbühel. Wir hatten da in Innsbruck Verwandte, die Familie Bitterlich, aus der die Cousine Elli stammt, die ihre Engels- und Teufelsvisionen hatte, aus denen sich das „Engelwerk“ dann bildete…

In Sommer 1913 war es in Kitzbühel so kalt, dass mein Vater aus ein paar 100 Watt - Birnen einen Ofen gebaut hat. Die Kiste hat eine schöne Wärme verursacht. Dann aber haben wir gehört, man könne sich einen Elektroofen mit glühenden Spiralen beim E-Werk ausborgen. 
Tirol war damals schon wesentlich weiter entwickelt als die östlichen Provinzen, gar nicht zu reden von Galizien und der Slowakei und so weiter….
… Zu meinen Erinnerungen gehört auch der Kasernenbrand von Kitzbühel, der in der Nacht ausbrach und wo noch stundenlang nachher - wir gingen dann natürlich schauen - immer noch neu Feuer ausbrach.

Nun kam der Sommer 1914, wo ich bereits nach der zweiten Klasse Volksschule in meinen Augen schon relativ würdig war. Ich war ein großer Schönschreiber. Schönschreiben war ein eigener Gegenstand. 
Wir fuhren diesmal ohne Köchin, in eine Pension bei Brixlegg, gemietet von einer ehrsamen Südbahninspektorsfamilie namens Neubauer, also in ein tirolerisch ausgebautes Haus, das mit Blumen auf zwei Blumenbalkonen versehen war.
Als Papa dann nachkam wurde ihm ein feierlicher Empfang bereitet. Das heißt, auf den Pflöcken des Grasgartens wurden Lampions befestigt und Fahnen aus Glanzpapier. Da hat man Kürbisse ausgeschnitten und Kerzen hineingesteckt, sodass sie wie Gesichter aussahen. So wurde der Garten ausgeschmückt und wenn Papa ankam, und wir ihn mit dem Fiaker abholten vom Bahnhof, ist das ein wirklich netter Nachtempfang gewesen.
Brixlegg war deshalb so schön, weil es nördlich des Inn einen Urwald gab, am Fuße des Sonnwendjochs. Wenn man eindringen wollte, war das schwer. Es gab nur wenige Wege. Papa war recht romantisch und geschickt und hat eigens mit einer großen Baumschere den Weg ausgeschnitten, den man gehen konnte, aber plötzlich endete er. Da hätte man schon wissen müssen, dass man sich früher hätte durchzwängen müssen, dann wäre es wieder ausgeschnitten weiter gegangen. Das diente dazu, dass niemand unser Platzerl im Urwald fand. Die Lichtung war nicht größer als etwa 5x 8 Meter vielleicht. Da baute ich ein Bauernhaus, wie das die Kinder machen, mit Gabelhölzchen und quer gelegten anderen Hölzchen, wo dann das Dach aufgebaut wurde und da wohnten drinnen so kleine Figuren, die Bauersleute und andererseits gab es da auch den Stall mit Tieren der Arche Noah, die ich einmal bekam. Und mit denen wurde das Bauernhaus auf unserem Platzerl besiedelt. Um zu wissen, wo unser kleinen Anwesen liegt, haben wir auf dem Kletterbaum eine Fahne befestigt, eine große, eine weiß-rote - Wien ist rot-weiß - und Tirol weiß-rot.

Hübsche Ausfüge haben wir auch gemacht, zum Beispiel nach Rattenberg, wo der Kanzler Bienner hingerichtet wurde, wo eine halbe Stunde später der Bote mit der Begnadigung aus Wien gekommen ist. Überhaupt sind uns die unglaublichsten Sachen erzählt worden…
… Als wir bei der Innbrücke standen, warfen die Bauersleute Kisten ins Wasser hinein und auf meine Frage: „Was ist in diesen Kisten“, bekam ich die Antwort: „Eier“. Und ich: „Das sind doch Lebensmittel, man kann die doch nicht vernichten.“ Und da hieß es darauf: „Ja, das tun die Bauern, weil sonst zu viel Angebot am Markt ist und der Preis sinkt, da hauen sie lieber die Eier in den Inn anstatt sie zu verschenken.“ Schon damals gab es also typisch kapitalistische Kennzeichen im heiligen Land Tirol.

Wichtig war für uns auch das „Fackeischaun“. Facken sind in Tirol Ferkeln. Da auch die ländlichen Bauernbuben irgendwie zu den Gassenbuben gehörten, mit denen ich in Wien nicht spielen durfte und auch gar nicht wollte, sollte ich mich mit ihnen nicht abgeben.
Das waren so „Eingeborene“, mit denen muss ein „weißer Offizier“ nicht unbedingt was zu tun haben.
Da haben die Buben gesagt: „Komm Fritzl, Fackei schauen.“ Es war der Bub vom Fleischhauer gegenüber. Von dort hat Mama immer wieder furchtbare Todesschrei aus dem Schlachtkabinett gehört. Damals hat man Schweine mit Hacken getötet, das war für die so eine Art Stierkampf, wo man Blut fließen sah und ich hab mich ein bisserl gewehrt und da wollten sie mir dieses Schauspiel zeigen.
Papa hat das erfasst, was das für eine furchtbare Sache ist, die mir einen psychischen Defekt bringen könnte, wenn ich erstmals im Leben Blut sehe und hat mich sofort zurück gerufen. Und da gab es einen Buben, vielleicht vier Jahre älter als ich, mit dem hab ich dann doch öfter gespielt.
Und der hatte auch ein Fahrrad, für damals eine teure Sache. Der war überaus genau erzogen, und der sagte: „Ich wird´ dich spazieren führen am Rad, setz´ dich auf die obere Stange, nicht wahr.“ Während er die Hände auf dem Lenkrad hatte, fuhren wir spazieren.
Und da sagt er: „Und jetzt fahren wir nach Amerika. Wir fahren in die Welt hinaus und werden nie mehr zurückkehren.“ Ich wollte bei aller Offizierstapferkeit meine Eltern nicht verlassen. Ich wollte dieses schöne Land und das gute Essen nicht verlassen. „Nein“, sagte ich, „da mach ich nicht mit.“ Das stachelte den Ehrgeiz des Burschen nur noch mehr an, rasch zu fahren. Ich sprang ab und fiel gegen den Bretterzaun. Entsetzt blieb der Bursch stehen und sah, was er angerichtet hat….
… Und jetzt sind wir am Rückweg. Unser Onkel aus Abazia, ein General, sagte, er würde raten, spätestens am Montag nach Hause zu fahren. Da würde es noch einigermaßen gehen. Wir sind um vier Uhr aufgestanden. Mit dem Fiaker haben wir bis halb sieben zur Bahn gebraucht, dann ging der Zug und um halb neun am Abend waren wir zu Hause in Wien. Da waren aber schon Störungen, weil Militärzüge fuhren. Da erlebten wir, wie Weltgeschichte an uns vorbeifährt. Das war also der Beginn des Krieges, da ging es dann Stufe um Stufe abwärts…
 
Kommentar:
 
„Drei Sommer in Tirol“ heißt ein von Liebhabern der Reiseschriftstellerei begehrtes Buch von Ludwig Steub, das in zahlreichen Auflagen von 1846 an erschienen ist. Die Erinnerungen mit dem Kapitel „Drei Sommer in Tirol“ von Dr. Fritz Schopf betreffen die Jahre 1912-1914 und wurden vom Österreichischen Zeitzeugenarchiv 1997 als mehrstündiges Videointerview aufgezeichnet. Es handelt sich um ein beispielhaftes Dokument zur „Sommerfrische“ in Tirol vor dem Ersten Weltkrieg, bei der sich gutbürgerliche Städter unter das Landvolk mischten. Wie bei  Joseph Rohrer 1796 im Buch „Uiber die Tyroler“, nachzulesen ist, sahen Städter aus der abgehobenen Sicht des „Bildungsbürgertums“ auf die „Eingeborenen“ in den Bergen hinunter. Die Generation von Dr. Fritz Schopf erlebte in der Kindheit den Zusammenbruch der „alten Ordnung“.
 
 
Biografie:
 
Dr. Fritz Schopf, 1906 in Wien geboren, stammt aus einer großbürgerlichen Familie und wurde standesgemäß und streng erzogen.  Sein Vater war Direktor einer Mädchenbürgerschule. Er verbrachte seine Jugend in Wien und war jeden Sommer irgendwo in der Monarchie auf „Sommerfrische“.
 
© Österreichisches Zeitzeugenarchiv, Foto: Benjamin Epp 1997, im Bild: Dr. Fritz Schopf und Ing. Ruth Deutschmann
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