Gedenkjahr 1959: Mythos Freiheitskampf
von Christoph Franceschini, Bozen
Die einzelnen Feiern im Lande sollen uns von der Not und von der Größe unserer Vorfahren aus dem Jahre 1809 künden, sie mögen uns in Erinnerung bringen, mit welcher Einsatzbereitschaft die Helden jener Tage im Kampfe um Recht und Freiheit zu ringen und zu sterben wussten. Doch nicht allein in Festen möge sich dieses Jubeljahr erschöpfen. Es soll vor allem ein Jahr der Besinnung, der völkischen und religiösen Erneuerung werden. Es möge der Geist jener Zeit uns alle wieder neu beseelen.“
Mit diesen Worten eröffnete der Südtiroler Landeshauptmann Alois Pupp am 19. Februar 1959 am Bozner „Reichrieglerhof“ das offizielle Jubiläumsjahr 1959. Sein Nachfolger am Rednerpult, SVP-Obmann Silvius Magnago, führte den Tonfall weiter: „Man hat uns aber als Ersatz zur Sicherstellung unseres völkischen Lebens bestimmte Rechte vertraglich zugesichert, und wir stehen seit Jahren im Kampf um die Verwirklichung dieser Rechte. Die uns heute gestellte Aufgabe ist es, diesen Kampf zu führen. Wir dürfen uns um diese Aufgabe nicht feige herumdrücken, wir müssen den Kampf führen: Es geht um das Recht und die Freiheit, um die Güter also, um die heute wie damals das bedrängte Europa bangt!“
Was der Realpolitker Magnago unter „Kampf“ verstand, hatte seine Partei kurz vorher deutlich gemacht. Bereits am 31. Jänner 1959 kündigte die SVP ihre Koalition mit der DC im Trentiner Regionalrat auf. Damit hatte man den mehr als zehnjährigen Weg der Kooperationspolitik, die hauptsächlich auf der Gemeinsamkeit der „christlichen Weltanschauung“ beider Parteien basierte, endgültig aufgegeben. Dem Schritt fehlte aber die notwendige Konsequenz, da man an der Zusammenarbeit mit der DC im Südtiroler Landtag festhielt. Somit war der Schritt nicht nur eine Halbheit, sondern er manövrierte die SVP auch in eine Art „politische Zwitterposition“. Dort Opposition zur DC und hier Regierungspartner mit fast denselben Politikern.
In dieser Phase der – durch den Rückzug aus der Regionalregierung hervorgerufenen – politisch bedeutungsschwachen Position der SVP und des innerparteilichen Kampfes um eine gemeinsame politische Linie kam den meisten Politikern das 150-jährige Jubiläum des Tiroler Freiheitskampfes gerade recht. Denn die durch die Feierlichkeiten hervorgerufene nationale Aufwallung lenkte von der politischen Orientierungslosigkeit der SVP in dieser Zeit ab.
An der offiziellen Eröffnung des Jubiläumsjahres am „Reichrieglerhof“ sollte neben der gesamten Südtiroler Landesregierung auch eine Abordnung der Nordtiroler Landesregierung teilnehmen. Wenige Tage vor der Feier war aber in Bezug auf den Nordtiroler Landeshauptmann Hans Tschiggfrey und Landesrat Aloys Oberhammer (ÖVP) von den italienischen Behörden ein Einreiseverbot erlassen worden. Als die Nordtiroler Abordnung an diesem 19. Februar über den Brenner fahren wollte, wurden Tschiggfrey und Oberhammer zurückgewiesen. Daraufhin kehrten auch die anderen Teilnehmer der Delegation um.
Während die Politik martialische Tone anschlug, hatte eine Gruppe von Männern aus Süd- und Nordtirol längst Ernst gemacht. Sepp Kerschbaumer gründete mit Unterstützung aus Österreich bereits 1957 den „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS). Das Gedenkjahr 1959 schuf genau das Klima, das der BAS für seinen neuen Freiheitskampf brauchte.
„Das hat sicher dazu beigetragen die Atmosphäre zu verschärfen“, sagt der Traminer BAS-Mann Alois Gutmann fast 40 Jahre später. „Denn viele Südtiroler haben erst durch dieses Gedenken Einblick erhalten, was vor 150 Jahren passiert ist.“
Auch Heinrich Klier, einer der führenden Köpfe der Nordtiroler BAS-Gruppe, beschreibt die Rolle der offiziellen Politik Jahrzehnte später äußerst kritisch: „Mein Gott, da haben sie alle groß gesprochen, die österreichischen Politiker: Südtirol! Und nie vergessen und nie werden wir auf das Selbstbestimmungsrecht verzichten. Das war sicher ein Anheizen für alle Beteiligten.“
Am 10. Mai 1959 brachte man das große Volksschauspiel „Andreas Hofer“ von Georg Husterer und Karl Wolf zur Aufführung. Unter den Laienschauspielern, die mitmachen, sind auch mehrere BAS-Mitglieder. Etwa der Lananer Jörg Pircher oder Sepp Innerhofer aus Schenna. „Ich habe da eine Rolle im engsten Kreis vom Andreas Hofer gehabt“, erinnet er sich, „da hat man nicht nur gespielt, sondern fast miterlebt.“ Das Volkschauspiel bot auch Gelegenheit, jene Leute anzuwerben, die der BAS für die späteren Anschläge brauchte.
Der Gründer und Kopf des BAS, Sepp Kerschbaumer, hatte schon im Jänner 1959 in einem Rundbrief unter dem eindeutigen Titel „Mander von 1959, es ist Zeit!“ dazu aufgerufen, das geistige Vermächtnis der Männer von 1809 anzutreten. In dem Schreiben heißt es: „Wir brauchen uns nur ein Beispiel nehmen an diesen echten und glaubensstarken Tirolern, und wenn wir dieses wirklich nachahmen, braucht uns nicht mehr bange sein um Glaube und Heimat. Möge unser ganzes Südtiroler Volk, vom Kind bis zum Greis, vom Geist von 1809 durchdrungen und erfasst werden!“
Die offizielle Jubiläumsjahr dauerte vom 19. Februar 1959 bis in den Februar des darauf folgenden Jahres. In diesem Jahr fanden unzählige Feiern, Jubiläumsreden und Gedenkveranstaltungen statt. Süd- und Nordtiroler Politiker hielten landauf landab Reden, die nur allzu oft – diesem bedeutenden Jubiläum entsprechend – zu radikal ausfielen. Der Obmann des Bergisel-Bundes, Eduard Widmoser, Landesrat Aloys Oberhammer und Staatssekretär Franz Gschnitzer, die in jenem Jahr fast Dauergäste in Südtirol waren, ließen es in den meisten ihrer Reden keineswegs an Deutlichkeit fehlen: Immer wieder wurde die Situation von 1809 mit der in Südtirol von 1959 verglichen. Die Schlüsse, die man aus diesem Vergleich ziehen konnte, wurden von den Rednern meistens nur angedeutet, von manchen Zuhörern aber genau verstanden.
Die Feiern von 1959 waren auch das erste richtige Exerzierfeld für die wieder gegründeten Südtiroler Schützenkompanien. Die Schützen, deren Tradition bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht, waren in der Zeit des Faschismus in Südtirol verboten worden. Mitte der Fünfzigerjahre konnte die SVP eine Wiederzulassung der Schützen erreichen – allerdings mit der Einschränkung, dass diese nicht mehr wie früher bewaffnet waren.
In Südtirol war es zwar nach dem Krieg zur illegalen Gründung einiger weniger Schützenkompanien gekommen – so hatte Georg Klotz bereits Ende der vierziger Jahre im Passeiertal eine Kompanie gegründet – doch jetzt konnten die Schützen endlich wieder offen auftreten. Innerhalb weniger Jahre entstand in Südtirol ein beachtliches Netz von Schützenkompanien. Ende der Fünfzigerjahre bestanden insgesamt bereits 89 Kompanien.
Den größten Auftritt hatten die Südtiroler Schützen am 13. September 1959, als sie in geschlossener Formation an der Seite ihrer bewaffneten Nordtiroler Kameraden beim feierlichen Festumzug durch die Straßen von Innsbruck zogen. Dabei trug die Schützenkompanie von Villanders unter der Leitung ihres Vizekommandanten, des Volksschullehrers Johann Winkler, eine übergroße Dornenkrone als Zeichen des Südtiroler Leidensweges mit sich. Die Dornenkrone, die schon damals die italienische Öffentlichkeit in Aufregung versetzte, sollte 25 Jahre später, im Jahre 1984, noch einmal für Polemiken und Auseinandersetzungen sorgen. Bei diesem großen Festumzug in Innsbruck wurde auch der Ruf nach Selbstbestimmung immer lauter. Spruchbänder hingen über den Straßen, und in Flugblättern wurden die Nordtiroler aufgefordert, im „Kampf gegen die Fremdherrschaft“ mitzumachen.
Beim Festumzug in Innsbruck mit dabei auch einer junger Mann, der später als einer der „Pusterer Buabm“ bekannt werden sollte, Siegfried Steger „Ich war damals bei der Musik und bin mitmarschiert“, erinnert sich Steger, „da hat man gemerkt, dass etwas im Gange ist.“
Es gibt in der Nachkriegsgeschichte Südtirols kein anderes Jahr, das einen so großen und nachhaltigen psychologischen Einfluss auf die Bevölkerung hatte wie das Jubiläumsjahr 1959. Es war das Jahr, das eineinhalb Jahrhunderte nach dem Tiroler Freiheitskampf von 1809 diesen erneut zu zelebrieren begann: bei offiziellen Feierlichkeiten, in Sonntagsreden und am Wirtshaustisch. Es war ein Jahr, geprägt von der Rückbesinnung auf die Ideale eines vergangenen Jahrhunderts. Ein Jahr, das den Blick einer ganzen Volksgruppe huldvoll in die Vergangenheit lenkte und nur allzu oft dadurch die Sicht in die Gegenwart trübte. Südtirol begann mit der Mythologisierung seines Freiheitskampfes genau zu dem Zeitpunkt, als überall auf der Welt Freiheitskämpfe und Unabhängigkeitskriege wieder aufzuleben begannen. In Zypern feierte Oberst Grivas mit seinen Partisanentruppen erste Erfolge, in Algerien war der Freiheitskampf längst zu einem Krieg geworden, und in vielen anderen Teilen der Welt begannen sich militärische Aktionen abzuzeichnen, die zur Unabhängigkeit von Kolonialstaaten führen sollten. In diesem Klima begann das offizielle Gesamttirol Ideale wie Heldentum, Kampfesmut und Opferbereitschaft zu den höchsten Eigenschaften eines ganzen Volkes hochzustilisieren. „Die Einheit des Landes Tirols“, „die derzeitige Not im Lande“ und „der Kampf mit den Waffen des Geistes“ waren die immer wiederkehrenden Floskeln der Festredner, die sich tief ins Bewusstsein der breiten Bevölkerung einprägten. Immer wieder und immer offener wurde die Situation in Tirol von 1809 mit jener des Jahres 1959 verglichen. Die martialischen Töne in den Reden der Politiker waren meistens so laut, dass jene, die vor dem Gang zur Gewalt warnten, übertönt und überhört wurden. Später wollten die meisten Politiker nichts mehr davon wissen, dass auch sie mit den Feiern von 1959 ein ganzes Jahr lang die geistig-moralische Aufrüstung und die massenpsychologische Vorbereitung für die meisten jener Leute geliefert hatten, die dann zum Dynamit griffen.
Der Text ist ein Auszug aus Franceschinis Diplomarbeit "Krieg der Masten" - Die Geschichte der Südtirol-Attentate", Innsbruck 1994.
Die einzelnen Feiern im Lande sollen uns von der Not und von der Größe unserer Vorfahren aus dem Jahre 1809 künden, sie mögen uns in Erinnerung bringen, mit welcher Einsatzbereitschaft die Helden jener Tage im Kampfe um Recht und Freiheit zu ringen und zu sterben wussten. Doch nicht allein in Festen möge sich dieses Jubeljahr erschöpfen. Es soll vor allem ein Jahr der Besinnung, der völkischen und religiösen Erneuerung werden. Es möge der Geist jener Zeit uns alle wieder neu beseelen.“
Mit diesen Worten eröffnete der Südtiroler Landeshauptmann Alois Pupp am 19. Februar 1959 am Bozner „Reichrieglerhof“ das offizielle Jubiläumsjahr 1959. Sein Nachfolger am Rednerpult, SVP-Obmann Silvius Magnago, führte den Tonfall weiter: „Man hat uns aber als Ersatz zur Sicherstellung unseres völkischen Lebens bestimmte Rechte vertraglich zugesichert, und wir stehen seit Jahren im Kampf um die Verwirklichung dieser Rechte. Die uns heute gestellte Aufgabe ist es, diesen Kampf zu führen. Wir dürfen uns um diese Aufgabe nicht feige herumdrücken, wir müssen den Kampf führen: Es geht um das Recht und die Freiheit, um die Güter also, um die heute wie damals das bedrängte Europa bangt!“
Was der Realpolitker Magnago unter „Kampf“ verstand, hatte seine Partei kurz vorher deutlich gemacht. Bereits am 31. Jänner 1959 kündigte die SVP ihre Koalition mit der DC im Trentiner Regionalrat auf. Damit hatte man den mehr als zehnjährigen Weg der Kooperationspolitik, die hauptsächlich auf der Gemeinsamkeit der „christlichen Weltanschauung“ beider Parteien basierte, endgültig aufgegeben. Dem Schritt fehlte aber die notwendige Konsequenz, da man an der Zusammenarbeit mit der DC im Südtiroler Landtag festhielt. Somit war der Schritt nicht nur eine Halbheit, sondern er manövrierte die SVP auch in eine Art „politische Zwitterposition“. Dort Opposition zur DC und hier Regierungspartner mit fast denselben Politikern.
In dieser Phase der – durch den Rückzug aus der Regionalregierung hervorgerufenen – politisch bedeutungsschwachen Position der SVP und des innerparteilichen Kampfes um eine gemeinsame politische Linie kam den meisten Politikern das 150-jährige Jubiläum des Tiroler Freiheitskampfes gerade recht. Denn die durch die Feierlichkeiten hervorgerufene nationale Aufwallung lenkte von der politischen Orientierungslosigkeit der SVP in dieser Zeit ab.
An der offiziellen Eröffnung des Jubiläumsjahres am „Reichrieglerhof“ sollte neben der gesamten Südtiroler Landesregierung auch eine Abordnung der Nordtiroler Landesregierung teilnehmen. Wenige Tage vor der Feier war aber in Bezug auf den Nordtiroler Landeshauptmann Hans Tschiggfrey und Landesrat Aloys Oberhammer (ÖVP) von den italienischen Behörden ein Einreiseverbot erlassen worden. Als die Nordtiroler Abordnung an diesem 19. Februar über den Brenner fahren wollte, wurden Tschiggfrey und Oberhammer zurückgewiesen. Daraufhin kehrten auch die anderen Teilnehmer der Delegation um.
Während die Politik martialische Tone anschlug, hatte eine Gruppe von Männern aus Süd- und Nordtirol längst Ernst gemacht. Sepp Kerschbaumer gründete mit Unterstützung aus Österreich bereits 1957 den „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS). Das Gedenkjahr 1959 schuf genau das Klima, das der BAS für seinen neuen Freiheitskampf brauchte.
„Das hat sicher dazu beigetragen die Atmosphäre zu verschärfen“, sagt der Traminer BAS-Mann Alois Gutmann fast 40 Jahre später. „Denn viele Südtiroler haben erst durch dieses Gedenken Einblick erhalten, was vor 150 Jahren passiert ist.“
Auch Heinrich Klier, einer der führenden Köpfe der Nordtiroler BAS-Gruppe, beschreibt die Rolle der offiziellen Politik Jahrzehnte später äußerst kritisch: „Mein Gott, da haben sie alle groß gesprochen, die österreichischen Politiker: Südtirol! Und nie vergessen und nie werden wir auf das Selbstbestimmungsrecht verzichten. Das war sicher ein Anheizen für alle Beteiligten.“
Am 10. Mai 1959 brachte man das große Volksschauspiel „Andreas Hofer“ von Georg Husterer und Karl Wolf zur Aufführung. Unter den Laienschauspielern, die mitmachen, sind auch mehrere BAS-Mitglieder. Etwa der Lananer Jörg Pircher oder Sepp Innerhofer aus Schenna. „Ich habe da eine Rolle im engsten Kreis vom Andreas Hofer gehabt“, erinnet er sich, „da hat man nicht nur gespielt, sondern fast miterlebt.“ Das Volkschauspiel bot auch Gelegenheit, jene Leute anzuwerben, die der BAS für die späteren Anschläge brauchte.
Der Gründer und Kopf des BAS, Sepp Kerschbaumer, hatte schon im Jänner 1959 in einem Rundbrief unter dem eindeutigen Titel „Mander von 1959, es ist Zeit!“ dazu aufgerufen, das geistige Vermächtnis der Männer von 1809 anzutreten. In dem Schreiben heißt es: „Wir brauchen uns nur ein Beispiel nehmen an diesen echten und glaubensstarken Tirolern, und wenn wir dieses wirklich nachahmen, braucht uns nicht mehr bange sein um Glaube und Heimat. Möge unser ganzes Südtiroler Volk, vom Kind bis zum Greis, vom Geist von 1809 durchdrungen und erfasst werden!“
Die offizielle Jubiläumsjahr dauerte vom 19. Februar 1959 bis in den Februar des darauf folgenden Jahres. In diesem Jahr fanden unzählige Feiern, Jubiläumsreden und Gedenkveranstaltungen statt. Süd- und Nordtiroler Politiker hielten landauf landab Reden, die nur allzu oft – diesem bedeutenden Jubiläum entsprechend – zu radikal ausfielen. Der Obmann des Bergisel-Bundes, Eduard Widmoser, Landesrat Aloys Oberhammer und Staatssekretär Franz Gschnitzer, die in jenem Jahr fast Dauergäste in Südtirol waren, ließen es in den meisten ihrer Reden keineswegs an Deutlichkeit fehlen: Immer wieder wurde die Situation von 1809 mit der in Südtirol von 1959 verglichen. Die Schlüsse, die man aus diesem Vergleich ziehen konnte, wurden von den Rednern meistens nur angedeutet, von manchen Zuhörern aber genau verstanden.
Die Feiern von 1959 waren auch das erste richtige Exerzierfeld für die wieder gegründeten Südtiroler Schützenkompanien. Die Schützen, deren Tradition bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht, waren in der Zeit des Faschismus in Südtirol verboten worden. Mitte der Fünfzigerjahre konnte die SVP eine Wiederzulassung der Schützen erreichen – allerdings mit der Einschränkung, dass diese nicht mehr wie früher bewaffnet waren.
In Südtirol war es zwar nach dem Krieg zur illegalen Gründung einiger weniger Schützenkompanien gekommen – so hatte Georg Klotz bereits Ende der vierziger Jahre im Passeiertal eine Kompanie gegründet – doch jetzt konnten die Schützen endlich wieder offen auftreten. Innerhalb weniger Jahre entstand in Südtirol ein beachtliches Netz von Schützenkompanien. Ende der Fünfzigerjahre bestanden insgesamt bereits 89 Kompanien.
Den größten Auftritt hatten die Südtiroler Schützen am 13. September 1959, als sie in geschlossener Formation an der Seite ihrer bewaffneten Nordtiroler Kameraden beim feierlichen Festumzug durch die Straßen von Innsbruck zogen. Dabei trug die Schützenkompanie von Villanders unter der Leitung ihres Vizekommandanten, des Volksschullehrers Johann Winkler, eine übergroße Dornenkrone als Zeichen des Südtiroler Leidensweges mit sich. Die Dornenkrone, die schon damals die italienische Öffentlichkeit in Aufregung versetzte, sollte 25 Jahre später, im Jahre 1984, noch einmal für Polemiken und Auseinandersetzungen sorgen. Bei diesem großen Festumzug in Innsbruck wurde auch der Ruf nach Selbstbestimmung immer lauter. Spruchbänder hingen über den Straßen, und in Flugblättern wurden die Nordtiroler aufgefordert, im „Kampf gegen die Fremdherrschaft“ mitzumachen.
Beim Festumzug in Innsbruck mit dabei auch einer junger Mann, der später als einer der „Pusterer Buabm“ bekannt werden sollte, Siegfried Steger „Ich war damals bei der Musik und bin mitmarschiert“, erinnert sich Steger, „da hat man gemerkt, dass etwas im Gange ist.“
Es gibt in der Nachkriegsgeschichte Südtirols kein anderes Jahr, das einen so großen und nachhaltigen psychologischen Einfluss auf die Bevölkerung hatte wie das Jubiläumsjahr 1959. Es war das Jahr, das eineinhalb Jahrhunderte nach dem Tiroler Freiheitskampf von 1809 diesen erneut zu zelebrieren begann: bei offiziellen Feierlichkeiten, in Sonntagsreden und am Wirtshaustisch. Es war ein Jahr, geprägt von der Rückbesinnung auf die Ideale eines vergangenen Jahrhunderts. Ein Jahr, das den Blick einer ganzen Volksgruppe huldvoll in die Vergangenheit lenkte und nur allzu oft dadurch die Sicht in die Gegenwart trübte. Südtirol begann mit der Mythologisierung seines Freiheitskampfes genau zu dem Zeitpunkt, als überall auf der Welt Freiheitskämpfe und Unabhängigkeitskriege wieder aufzuleben begannen. In Zypern feierte Oberst Grivas mit seinen Partisanentruppen erste Erfolge, in Algerien war der Freiheitskampf längst zu einem Krieg geworden, und in vielen anderen Teilen der Welt begannen sich militärische Aktionen abzuzeichnen, die zur Unabhängigkeit von Kolonialstaaten führen sollten. In diesem Klima begann das offizielle Gesamttirol Ideale wie Heldentum, Kampfesmut und Opferbereitschaft zu den höchsten Eigenschaften eines ganzen Volkes hochzustilisieren. „Die Einheit des Landes Tirols“, „die derzeitige Not im Lande“ und „der Kampf mit den Waffen des Geistes“ waren die immer wiederkehrenden Floskeln der Festredner, die sich tief ins Bewusstsein der breiten Bevölkerung einprägten. Immer wieder und immer offener wurde die Situation in Tirol von 1809 mit jener des Jahres 1959 verglichen. Die martialischen Töne in den Reden der Politiker waren meistens so laut, dass jene, die vor dem Gang zur Gewalt warnten, übertönt und überhört wurden. Später wollten die meisten Politiker nichts mehr davon wissen, dass auch sie mit den Feiern von 1959 ein ganzes Jahr lang die geistig-moralische Aufrüstung und die massenpsychologische Vorbereitung für die meisten jener Leute geliefert hatten, die dann zum Dynamit griffen.
Der Text ist ein Auszug aus Franceschinis Diplomarbeit "Krieg der Masten" - Die Geschichte der Südtirol-Attentate", Innsbruck 1994.
DVD Bestellung
Veranstaltungen
SA 4. Februar






