Hatto Georg Scheer, Heldenplatz und Nazieltern
Jetzt haben wir Kinder dann, als der Hitler schon da war, öfters gefragt, warum das so sei: “Na, das ist irgendwie übersehen worden, und, mein Gott, ist ja nicht so wichtig, Hauptsache wir haben erreicht was wir wollten...” und so weiter, hat es dann geheißen. Irgendwie ist uns das komisch vorgekommen.
Man musste da den Ahnenpass erbringen und ich weiß nur, dass meine Mutter einmal ganz aufgeregt aus dem heutigen Tschechien, da aus Böhmen und Mähren, zurückgekommen ist, weil sie dort irgendein Dokument in irgendeiner Pfarre gesucht hat. Und dann hab ich mich einmal hingesetzt und ihre Dokumente durchgeschaut. Da waren Gnadengesuche an den Führer von meiner Mutter, die unbedingt erreichen wollte, dass der Parteiausschluss rückgängig gemacht wird, weil sie sich da und da und da so verdient gemacht hat. Aber wenn es ums jüdische Blut gegangen ist, um den Judenhass, da war der Hitler unerbittlich, und da hast d´ machen können, was d’ wollen hast. Es ist nicht rückgängig gemacht worden, sie war aus der Partei ausgeschlossen - hab´ ich entdeckt. Sie konnte den Ariernachweis nicht erbringen. Ihre Großmutter war Jüdin.“
Ich bin mit meinen Geschichten einige Jahre schwanger gegangen, bevor ich „Zuwenig literarisches Gut? Zuwenig Liter arisches Blut!“ geschrieben habe (Anm.: Linz. 1999. Denkmayr Verlag). Es ist kein Produkt des Aufarbeitens wie das halt so oft genannt wird, aber ich hab immer Geschichtln erzählt. Ich bin ein Gschichtlerzähler und hab halt so im Freundeskreis, so in der Verwandtschaft immer das eine oder andere Geschichtchen erzählt. In meinem Buch geht es um die Zeit von 1938 bis 1946, um Erlebnisse 10- bis 18-jährigen Menscdhen, der eben diese Zeit auf seine Art erlebt hat.
Und dazu kann ich Ihnen sagen, ich war am 15. März 1938 am Heldenplatz, als Hitler der Welt die Heimholung seiner Heimat ins Großdeutsche Reich verkündet hat. Da war ich 10-jährig dort und es gibt auch diese bekannten historischen Bilder und Filmaufnahmen und da bin ich drauf. Ich bin zwar nicht zu erkennen, aber ein kleines weißes Pünktchen an einer ganz bestimmten Stelle, das bin ich.“ (Hatto Georg Scheer, 2001)
Biografie:
Als er 1927 geboren wird, sind seine Eltern schon verschworene Nationalsozialisten. Hatto erlebt die Hoffnungen und Schattenseiten des Lebens „Illegaler", wird als „Herrenmensch" erzogen, genießt seine Karriere bei der Hitler-Jugend, den Triumph des Anschlusses, und hat als Heranwachsender Freude daran, sich als Sieger von morgen zu fühlen. Er erträumt sich ein Leben in fescher Uniform, meldet sich freiwillig zur Luftwaffe, wird im November 1944 einberufen und wenig später verwundet. Heute lebt der gelernte Tischler, der es zum anerkannten Einrichtungsfachmann gebracht hat, in Linz.
Text: © Österreichisches Zeitzeugenarchiv
Auszüge in Bild, Ton und Schrift aus den mehrstündigen Interviews mit Hatto Georg Scheer und seiner Schwester Rautgundis finden sich unter: www.padovanet.it/infogiovani/memory2000/int_aus_10.asp
Das Zeitzeugenarchiv vertrat Österreich bei dem Milleniums - EU-Projekt „memory2000“. Dieses besteht aus jeweils zwölf exemplarischen Lebensgeschichten zum Zeitabschnitt vor, während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. An dem Projekt waren Deutschland, Frankreich, Italien, Griechenland, England und Österreich beteiligt.
Feste

Jubiläum

Theater

Wissenschaft

2009 aktuell













