Tirol und Südtirol grüßen Wien
13.-14.06.09
Landesfesttage
18.09.-20.09.09
Landesfestumzug
20.09.09

Helmut Heuberger, Der „Häuptling“ der 05 in Tirol

Dann kam die Sache mit Fritz Molden. Fritz Molden hatte ja von Anfang an Hitler bekämpft. Er kam ja ganz woanders her, und er hat sich zur Wehrmacht gemeldet, um ins Ausland zu kommen, genauso wie Otto.

Damit waren sie zu Hause der politischen Szene entzogen, und auf sehr abenteuerliche Weise ist dem Fritz gelungen, den Selbstmord vorzutäuschen und dann jedenfalls in die Schweiz zu kommen und von dort die Widerstandsbewegung O5 aufzubauen. Und dazu fuhr er immer wieder nach Österreich, in deutscher Uniform unter Decknamen. Er brauchte in Innsbruck einen Stützpunkt, und er wusste, dass wir ja eigentlich auf der anderen Seite sind. Er hat aber das Gefühl gehabt, wir werden ihn sicher nicht anzeigen. Und er hat dann bei meinen Eltern vorgefühlt, davon wusste ich zunächst nichts. Und da hatte er zwei französische Offiziere mit, ich glaube, der eine war Adjutant von De Gaulle, die mussten sich irgendwo umziehen, und er hat den Vater gebeten, ob er sein Arbeitszimmer in der Universität zur Verfügung stellt. Hat mein Vater gemacht. Und dann hat der Fritz gemerkt, hier kann man sein, und dann kam er öfter. Natürlich sind wir sofort ins Gespräch gekommen. Wir waren von klein auf befreundet miteinander, und da kamen natürlich die ganzen Fragen. Wir kamen aus völlig gegnerischen Lagern, aber haben uns sehr gut verstanden. Und ich merkte, der arbeitet für den Widerstand, und ich sah mehr und mehr kommen. –
 
Ich hatte das Gefühl, ja, wenn das so ist, dann muss ich was tun, ich kann nicht einfach zuschauen, wie das halt passiert. Ich meine, ich habe gegen das österreichische Regime (vor 1938) gekämpft, weil ich den Anschluß wollte, und jetzt muss ich auch da was tun.
Und ich sah den Zeitpunkt kommen, da der Fritz mich fragen würde - Ja, dann eben dort. Und dann kam der Augenblick, da habe ich gesagt: „Ja, Fritz, aber du kennst ja meine Vorstellungen, meine Anschauungen - wenn ich da hineinpasse? Ich sage dir gleich, ich werde keine Befehle ausführen. Was man mir nahe legt zu tun, da werde ich mein Gewissen prüfen, und wenn ich es für richtig halte, werde ich es tun. Ich werde sicher auf keinen Deutschen schießen, außer aus Notwehr. Und ich werde überhaupt Menschenleben nicht zu vernichten drohen, um Menschenleben zu erhalten.“ Und auf dieser Basis haben wir uns voll gefunden. Ich wollte eigentlich nur ein kleines Rädchen in dem ganzen Club sein, ich wollte ja gar keine Rolle spielen, nur sind dann in der entscheidenden Phase so viele verhaftet worden. Ich hatte vom Untergrund, von der HJ her (lacht) noch die Erinnerung, dass es sehr gut ist, wenn nicht jeder weiß, wer man ist, so dass ich einer der wenigen war, die den Decknamen wirklich absolut konsequent durchgezogen haben. Das hat mir ein anderes Mal dann auch noch geholfen.
So war ich dann als ein etwas exotischer Stein (lacht) in diesem Spiel da drinnen, und da dann plötzlich sehr viele Fäden abrissen, weil die Leute verhaftet waren, und ich noch sehr viele Zusammenhänge wusste, war ich eine immer wichtigere Schaltstelle. Dadurch habe ich eine etwas führende Rolle in der ganzen Sache gespielt, die ich gar nicht spielen wollte. Ich war zunächst einfach der Briefkasten für die Moldens in Innsbruck, und dann war ich halt der „O5-Häuptling“ in Innsbruck, und dann kam der Zusammenschluß mit der Organisation von Gruber, die sehr effizient und weiter war als wir, und so ging das dann Schritt für Schritt weiter. (27:46)
 
Biografie
„Ich bin geboren in Innsbruck, mein Vater war Historiker, war Professor an der Universität, war blind, das war entscheidend, mit, und ist als Blinder erst Professor geworden. Und so bin ich also in einem Haus mit Wissenschaft und Kunst aufgewachsen, das waren eigentlich die prägenden Richtungen. Und das waren auch die Richtungen, die ich selbst im Studium ungefähr einschlagen wollte. Dass ich Naturwissenschaftler, praktisch Naturwissenschaftler geworden bin, hängt mit den Bergen zusammen. Denn mein Vater, der ja, so lange er gesehen hat (vor dem Ersten Weltkrieg, er hat im Ersten Weltkrieg sein Augenlicht verloren), war ein begeisterter Kletterer, und der hat mich also völlig infiziert. Und so war Bergsteigen und dann Klettern für mich also der Himmel auf Erden, und ich war dann im Krieg sehr schwer verwundet, und da hieß es also: „Die Berge können Sie vergessen!“ Und, sie dann trotzdem wieder zu gewinnen, das war natürlich ein Erlebnis, unvorstellbar dazu. Studieren durfte ich, durfte als Schwerverwundeter im Krieg schon studieren und habe Geschichte – ich wollte eigentlich Historiker werden und wäre wahrscheinlich ein besserer Historiker als ein Geograph geworden vielleicht, das liegt mir heute noch sehr im Magen –. Und Germanistik und als drittes Fach Geographie, die ich eigentlich nicht mögen habe. Aber ich habe einen wunderbaren Professor gehabt in Geographie, der Hochgebirgsgeograph war. Und der hat den Bergen plötzlich einen Hintergrund gegeben, der mich also fasziniert hat und mich sofort da hineingezogen hat. Und ich habe alles nachgelernt, was ich nicht gewusst habe, und bin eigentlich so Naturwissenschaftler geworden. Habe die ganze Geographie, auch die Humangeographie, also Anthropogeographie, auch mit, ich bin hier sogar auf einem Lehrstuhl gewesen, der eigentlich mehr für Humangeographie war, aber dem Schwerpunkt meiner wissenschaftlichen Arbeit nach bin ich physischer Geograph.“
 
 
© Österreichisches Zeitzeugenarchiv, Ruth Deutschmann
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