„Im Rad der Zeit“
Ein junger Mann steht in der guten Stube, betrachtet sein Schützengewand. Die Mutter hat es bereits gelüftet und gebürstet. Das blitzsaubere, weiße Hemd hängt frisch gebügelt über einem Stuhl. Nur noch die Schuhe putzen! Das ist Männersache. Der junge Mann holt anschließend den Schützenhut aus dem Schrank. Staub hat sich darauf breit gemacht. er nimmt eine Schere, geht in den Garten, schneidet einige duftende Nelken ab. Vom Asparagusstock bricht er einen immergrünen Zweig. Immergrün, immer treu, immer für Kirche und Heimat opferbereit sein. Immer das eigene Wollen zugunsten immerwährender Wehrhaftigkeit zurückstellen. Er steckt das Sträußchen auf den vom Staub gereinigten Hut. Morgen möchte er den schönsten Schützenhut tragen.
Dem alten Mann tropfen ein paar Tränen auf den Säbel. Er hat ihn soeben aus dem Kasten geholt, um ihn für den großen Tag zum Glänzen zu bringen. Mit Tränen getränkter Hochglanzsäbel. War er auch mit Blut getränkt? Vermutlich. 1887 geboren, marschierte er beim Jubiläumsfest 1909 in Innsbruck mit. Damals war er überwältigt von all den bunten Trachten, den flatternden Fahnen, den blitzenden Gewehren. Beim großen Festgottesdienst hörte er zum ersten Mal große Worte: „Bereit sein, für die Freiheit zu kämpfen, dem Kaiser treu bleiben, opferbereit sein, unruhigen Zeiten entgegengehen, notfalls das Leben für das Vaterland geben.“
Die erste Heftseite für das Jubiläumsjahr ist bereits geschmückt. Mit seiner schönsten Schrift hat das Mädchen geschrieben: 1809 bis 1959. Treu sein im Kleinen legt den Grundstein für große Taten. Darunter hat es ein Bild geklebt. Andreas Hofer in grünroter Tracht, mit einem markanten Gesicht mit Bart und nachdenklichen, fragenden Augen. Seit die Lehrerin von den großen Taten Andreas Hofers erzählt hat, träumt das Mädchen all seine verlorene Heimat in ihn hinein.
Noch einmal betrachtet der junge Mann sein Festtagsgewand. Fast fremd ist es ihm geworden. Acht Jahre bischöfliches Gymnasium, das Hochschulstudium in Graz, nur in den Sommerferien daheim, haben ihn geprägt. Morgen wird er zu den Männern in der bunten Ötztaler Tracht dazu gehören, mit den Alterskollegen vom Dorf mitmarschieren. >Auf zum Schwur Tiroler Land < singen, Farbe bekennen.
Der alte Mann musste 5 Jahre nach der Jubiläumsfeier 1909 für Gott, Kaiser und Vaterland in den Krieg ziehen. Er kämpfte am Col di Lana in den Dolomiten. Vergebens. Der Friede von Saint Germain hinterließ in seinem Herzen einen tiefen Riss. Zwanzig Jahre später musste er bitter feststellen, wie viele Leute sich gerne ins Großdeutsche Reich einverleiben ließen. Er, ein rechtgläubiger Tiroler, musste wehrhaftig der deutschen Wehrmacht bis nach Russland folgen. Stalingrad, ein einziges Wort und der Schrecken sitzt im Nacken. Jetzt putzt er den Säbel, seine alte Frau schmückt ihm den Hut. Morgen noch einmal dazugehören, die schlimmen Zeiten an seinem Säbel vergessen, und ihn aufblitzend in die Sonne halten.
Noch ein Bild klebt das Mädchen, gemalt von Albin Egger Lienz, auf die zweite Seite ins Schulheft. Ernsthafte Männer tragen ein großes Holzkreuz mit dem blutenden Christuskörper. Sie tragen es mit in den Kampf. Gott steht auf ihrer Seite.
Ein strahlender 13. Septembermorgen 1959. Aufbrechen, in den Autobus steigen, von Nord- Süd- und Osttirol nach Innsbruck fahren. Jedem Landesteil ist ein bestimmter Sammlungsplatz zugeteilt.
Die Oberländer Schützen versammeln sich am Tivoli zur Feldmesse. Dominus vobis cum. Et cum spiritu tuo. Oremus. Zur Wandlung eine Salve aus allen Gewehren. Wie ein einziger Klang hallt das Echo vom Himmel. Den Tod, den er so manches Mal vom Iselsberg geschickt ins Tal. Im heiligen Land Tirol - ertönt tausendfach aus Männerkehlen.
„Habt acht. Battailon marsch!“ Im Gleichschritt von allen Enden sternenförmig in die Maria Theresien Straße. Musikkapellen blasen zum Marsch. Menschen jubeln am Straßenrand.
Im Zentrum marschieren die Südtiroler Schützen in der Gegenrichtung ohne Gewehre an den Nordtiroler Schützen mit Gewehren vorbei. Ab und zu treffen sich Blicke.
„Tirol isch lei oans, von dir gerissen wurde Südtirol, ach Himmel es ist verspielt – oh liebe Frau ih bitt, verlass den Sandwirt nit, verlass ins nit, verlass ins alle nit“, ertönt mit Pauken und Trompeten aus dem Radio. Das Mädchen singt mit rotem Kopf in der Stube alle Lieder mit. Es ist glücklich und traurig zugleich. Irgendwie gehört es heute dazu, jedoch Südtirol gehört nicht mehr zu Nordtirol. Es will fest für die Heimat beten.
Im Gasthof Breinössl sitzen der alte und der junge Mann nebeneinander.
„Ja, ih bin schue 1909 mitgange. Ih bin det grad aso a Bürschli wie du gwese. Ih han noche nouh zwoa Waltkrieg mitmache miaße.“
„ Ofter, isch es 1909 ouh a so scheane wie heit gewesn?“
„Ja, det habe sie a silbrige Krone vo alls Edlweiß mitket. A Gschenk fiarn Kaiser!“
Stille zwischen Beiden.
„ Hein han ih welle nouh amol Galts Gott sage, weil ih so viel überlebt han.“
„Ih mueß iats aber nouh vo r Altstadt insern Fahn holn geahn. Pfiat dih!“
„ Pfiaht dih, hoffentlig brauchsch du kuen Krieg miah derlebe.“
Auf der Straße wird der junge Mann mit der Fahne barsch angefahren:
„Was, du trägst die Schützenfahne ohne Begleitoffizier?“
Der junge Mann errötet. Bin ich wirklich nur eine verlängerte Fahnenstange? Nur ein Pimpf im Dienst?
Das Mädchen hängt mit einem Ohr noch immer am Radio. Ach wäre ich doch ein Bub, dann könnte ich heute als Jungschütze mitmarschieren. Ich will aber eine gute Mutter werden. Dass man notfalls für den Krieg Kinder gebären muss, weiß das Mädchen noch nicht.
Ich stehe vor meiner guten Truhe. Auf der Vorderfront steht Theresia Hoferin – 1787. War sie eine Verwandte des Volkshelden? Für welche Werte stand sie wohl ein? Ich weiß es nicht. Frauen fehlen meistens in der Geschichtsschreibung. Der verschnörkelte Schlüssel dreht sich im Schloss. Das vergilbte Heft vom Jubiläumsjahr 1959 liegt zuunterst am Boden. In meinem Innern öffnet sich eine tiefe Schicht. Worte erwachen, beginnen vor meinen Augen zu tanzen. Im Jubiläumsheft finde ich sie bekräftigt
Bundesobmann LR. Eduard Wallnöfer hatte folgende Vision für die Gestaltung des Jubiläumsjahres 1959: Religiöse Erneuerung, Kreuz- und Bittgänge wieder aufleben lassen, gegen Zerreißung und Zerrissenheit des Landes und Volkes nicht nur protestieren, sondern beten und opfern nach gläubigem Väterbrauch und gläubiger Vätersitte.
Zum Abschluss seiner Ausführungen ein Gedicht von Anna Riedl.
Freiheit
Meine Ketten gebe ich her,
tränenrostig, eisenschwer,
hab sie lang getragen.
Löse leise sie und sacht,
löse sie in tiefer Nacht
aus dem müden Herzen.
Schenk sie unsrer lieben Frau.
Ihrer Tränen milder Tau
mag die Wunde heilen.
Das Heft fällt zu Boden.
Ob dem Haller Kronewirt Josef Ignaz Straub, der dem Land alles – Gesundheit, Glück und Wohlstand – geopfert und verbittert mit der Welt 1850 seine Augen geschlossen hat, diese Zeilen noch ein Trost waren?
Ich öffne die Homepage www.rundgemälde.at
„ Hofer Mythos / Herz Jesu Gelöbnis. Heiliger Krieg. Wenn seit 1809 Tiroler in den Krieg zogen, dann immer mit dem Segen des Herzen Jesu. 1984 erneuerte das Land offiziell den Bund mit dem Herzen Jesu.“ Worte beginnen zu erfrieren.
Ich blicke auf die Titelseite der TT vom 9.1.2009: >Rosen für die Krone > - >Tiroler Symbol zwischen Kunst und Diplomatie<
Das Rad der Zeit hat sich gedreht. Das Mädchen bereits Großmutter, der junge Mann alt geworden, der alte Mann? Ruht er in Frieden?
Hat es sich gedreht?
2009 – ein Erinnern - ein Rückschritt – ein Weitergehen?
Nachsatz:
Die Vereinnahmung des christlichen Symbols der Dornenkrönung Jesu für politische Zwecke beim Festumzug 1959 wird 2009 mit zweitausendundneun roten Rosen beschönigt.
Biografie:
Annemarie Regensburger ist Autorin und lebt in Imst. Sie schreibt Lyrik und Kurzprosa im Dialekt und in Schriftsprache. „Füllfeder und Kochlöffel, meine Instrumente, mich ins Leben einzuschreiben, mit – teilen, was Leib und Seele zusammenhält. Zur Sprache bringen, was so sonst ungesagt bleibt.“ Von Beruf Köchin, begann ich vor 25 Jahren mit dem Schreiben. Zahlreiche Publikationen, Literaturpreise und Lesungen. Kontakt: annemarie.regensburger@gmx.at
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