Tirol und Südtirol grüßen Wien
13.-14.06.09
Landesfesttage
18.09.-20.09.09
Landesfestumzug
20.09.09

Leopold Vietoris, Bergführeroffizier und Mathematiker

„Ich bin zuerst bei den Deutschmeistern eingerückt. Nach einem Monat bin ich dann zum Infanterieregiment 49 transferiert worden und bei dem war ich dann den ganzen Krieg über, nicht im Verband des Regiments, sondern ich bin dann zu den Bergführern gekommen.

Nach meiner Ausbildung als Freiwilliger sind wir im Februar 15 nach Russland marschiert. Da war zunächst einmal Stellungskrieg. Der dauerte bis Ende April. Und da hab ich das erste Gefecht mitgemacht. Wir haben eine russische Stellung genommen und sind parallel zur Weichsel nach Osten marschiert. Da bin ich dann am 14. Sept. verwundet worden… Nach dem Ausheilen bin ich dann auf die Berliner Hütte zur Ausbildung in der Geißlergruppe. 
Da bin ich alles abgeklettert. Ich hab gelernt wie man mit dem Seil umgeht, wie man den Kamin stemmt und spreizt und wie man in die Wand klettert.
Dann war Winter-Schiausbildung… Ich hab nicht gewusst, wie man einen Stemmbogen macht, drei Schikurse, vergeblich. Da hat mir dann unser Arthur Kuhn, ein Zdarsky - Schüler gezeigt, wie das geht. Durch Gewichtsverlagerung, nicht wahr. …
Bilgeri war mein Battaillonschef. Damals im Frühjahr 1916… Ich war dann Bergführeroffizier und hab einen kleinen Zug befehligt, 20 Mann, mit meinen Leuten einen Klettersteig auf den Monte Piano so ausgebaut, damit man auf ihm mit einem Maschinengewehr am Rücken hat gehen können. Ausbau von Klettersteigen. Und die Gruppe hab ich geführt, auf den Wegen und auch unter dem Eis. Über dem Eis hat man ja nicht gehen können, da war man ja eingesehen vom Feind. Darum hatten wir Gänge unten, von der Etappe hinaus in die Front. Diese Eisstollen erhalten war eine ziemliche Arbeit, weil der Gletscher immer in Bewegung ist. Manchmal ist etwas eingebrochen….
Wir haben unsere Befehle bekommen und ausgeführt und die sind telefonisch oder mündlich gegeben worden. Einmal waren wir 10 oder 20 Meter vom Feind entfernt, manchmal kilometerweit… Was sagen Sie, Angst? Angst hat ein Soldat überhaupt nicht. (Er lacht) Lächerlich…“
 
Biografie:
 
Beim Interview für das Österreichische Zeitzeugenarchiv (1996) ist Prof. Dr. Leopold Vietoris, (1891- 2002) der älteste Tiroler. Der hoch betagte Mathematiker kommt durch seine Forschung auf den Gebieten der Topologie und Homologie (u.a.: „Über die Homologiegruppen der Vereinigung zweier Komplexe) zu hohen Ehren in der Fachwelt. Seine ersten Erinnerungen reichen in das Jahr 1896 zurück, als ihm sein Vater, ein Ingenieur der Wiener Hochquellenwasserleitung, ein Fahrrad schenkt und die Straßenbahn noch von Pferden gezogen wird. Er studiert in Wien, bringt es im Ersten Weltkrieg zum Bergführeroffizier an der italienischen Front, kommt in italienische Gefangenschaft, in der er als Offizier gut behandelt wird, nach Genua, kann dort an seiner Dissertation „Stetige Mengen“ weiter schreiben.
1927 wird er zuerst außerordentlicher Professor, 1930 Ordinarius an der Universität Innsbruck und bleibt das bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1961.
Er heiratet 1928 Klara von Riccabona und nach ihrem frühen Tod ihre Schwester Maria, mit der er 66 Jahre verheiratet ist.  
 
Kommentar:
 
Nach den Tiroler Abwehrkämpfen in der Napoleonzeit bekam der planmäßige Gebirgskrieg erst wieder beim Feldzug gegen Bosnien (1878) eine besondere strategische Bedeutung, vor allem für den Transport von Kriegsgerät.
Als erste Hochgebirgstruppe allerdings traten 1872 zunächst die italienischen Alpini in Erscheinung. 1888/89 folgte Frankreich mit seinen Chasseurs Alpins. In Österreich dauerte es, bis 1906 das Kärntner Landwehr-Infanterieregiment Klagenfurt Nr. 4 und die beiden Tiroler k. k. Landesschützenregimenter zu Gebirgsregimentern bestimmt wurden. Ihnen folgten 1909 das Landesschützenregiment Innichen Nr. III.  Die alpinistische Ausbildung beim Militär kam um die Jahrhundertwende zu einer Zeit, in der der Bergtourismus auch zivil seinen steilen Aufstieg begonnen hatte und „ganz Deutschland“ für seine Berge schwärmte.  
1906 begann der systematische Grenzschutz der k. k. Landwehr-Gebirgstruppen im Gebiet zwischen Ortler und Isonzo.
 
Matthias Zdarsky und Georg v. Bilgeri:
 
Der von Vietoris als Schilehrer erwähnte Matthias Zdarsky war neben Dr. Julius Kugy, Sepp Innerkofler und Angelo Dibona einer der führenden Persönlichkeit  in der Entwicklung des Schilaufs und der militärischen Dimension des Alpinismus. Zdarsky, von dem 1896 das erste Schilehrerbuch („Alpine Lilienfelder Skilauftechnik“) erschien, wurde bei der Bergung verschütteter Soldaten selbst von einer Nachlawine erfasst und dabei schwer verletzt. Als Weiterentwicklung der Bindung Zdarskys gilt die Bindungskonstruktion von Georg v. Bilgeri, die sich besonders für das Tourengehen bewährte.
 
Empfehlung:
 
Mehr über Leopold Vietoris als Mathematiker: www.uibk.ac.at/mathematik/archiv/nachnatmed.pdf  
 
 
© Österreichisches Zeitzeugenarchiv (Foto: Ruth Deutschmann; Text des Interviews redigiert; im Original gab es viele Zwischenfragen)
 
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