Margret Lanner, Schläge gegen Aufklärung
Eine zweite hat das auch geglaubt, und eine dritte hat schon alles gewusst und gesagt: „Ich sag euch was, gehen wir hinter den Ofen, hinter den Schulofen und lasst euch das erzählen.“ Und das war so zwei Mal und die anderen Schüler, die haben gemerkt, wir haben ein Geheimnis vor dem Lehrer. Und der Lehrer war nicht für Geheimnisse.
Jetzt haben wir das sagen müssen. Jetzt haben wir dafür, dass wir da beisammen waren, um das zu reden, sechs Patzen bekommen bis dass wir ganz geschwollene Hände gehabt haben. Und dann hat es geheißen, das ist alles eine Todsünde, was wir da reden. Und wir haben nicht mehr weiter gefragt. Wir haben uns nicht mehr zu helfen gewusst, was beichten.
Dann ist der Lehrer mit der Tante zur Mutter gegangen. Die Mutter hat mich bei den Haaren gepackt, weil ich da mitgegangen bin.
Jetzt hab ich mich die Mutter nicht mehr fragen getraut, keine Freundin mehr haben dürfen, ich hab nichts mehr gewusst.
Das war ein Dorfgespräch! Es hat geheißen: „Wenn das der Pfarrer erfragt!“ Ein so alter Bauer, den das gar nichts angegangen wäre, der geht zum Pfarrer und sagt, ob er weiß, was da in der Schule los ist.
Jetzt ist der Pfarrer gekommen, jetzt hat es geheißen, die drei müssen zurück bleiben. Diese Angst wieder! Da sind wir zurück geblieben.
Der war dann der Vernünftigste:„Ja Kinder, es ist die Wahrheit, aber bitte sagt es nicht den anderen Kindern, sagt es nicht weiter.“
Dann ist es ruhig geworden. Und dann war Zeugnisverteilung im Juni. Im Zeugnis ist gestanden: Betragen 2. Und bei der Bewertung unten ist gestanden: wegen unsittlicher Reden. Die Zeugnisse hab ich von der ersten Klasse bis zum Ende alle, nur das hab ich zerrissen.
Bis zu meinem 26. Jahr hab ich der Mutter geholfen, weil sie es halt so schwer gehabt hat, hab ich ohne Lohn und ohne Versicherung geholfen. Dann hab ich gesagt: „Mutter, die Bauernarbeit kann ich jetzt gut, ich kann sonst gar nichts, ich möchte einen Posten.“
Als Wirtschafterin in Bischofshofen im Pfarramt hab ich viel gelernt und die Köchin ist meine beste Freundin gewesen. Da sagt sie dann: Du bist ja noch nicht aufgeklärt. Jetzt hat die mich aufgeklärt, mit 26 Jahren. Es ist eine schlimme Zeit gewesen. Bis dahin hab ich mich niemandem anvertraut.
Biografie
Margret Lanner wird am 20. Juli 1910 in Niederau/Wildschönau geboren. Den Vater hat sie nicht mehr kennen gelernt. Er stirbt im Ersten Weltkrieg. Margaret kann sich noch an den Sarg mit dem kleinen Fenster erinnern: „Das Gesicht vom toten Vater vergesse ich mein Leben nicht.“ Nach Fronturlauben kommen noch zwei Brüder auf die Welt, einer schon nach dem Tod des Vaters. Die Mutter, 33 Jahre alt, trägt Trauerkleider und heiratet nicht mehr. Der Verwalter am Hof zieht die junge Margret zu schwerer Arbeit heran. Drei Stunden nach Mitternacht beginnt ihr Arbeitstag. Nach der Volksschule arbeitet sie am Hof der Mutter, bis sie mit 26 Jahren einen Posten als Wirtschafterin findet, dann aber wieder nach Hause zurückkommt. Sie wird schwer krank („Herzkröpfe“) und kann in der Folge drei Jahre nicht sprechen. Sie findet ihre Stimme wieder und heiratet im Jahr 1947.
Kommentar
Wie unterschiedlich ist doch Zeitgeschichte! Beim biografischen Erzählen werden Lebensgeschichten anvertraut. Beim Niederschreiben wird Wissen um Vergangenes vermittelt. Das auf Objektivität und historische Wahrheit abzielende Wissen zahlt ohne Erzählkultur einen hohen Preis, den Verlust des Persönlichen und „Handgreiflichen“ in der Geschichtsvermittlung.
Geschichtswissen bedeutet: Festhalten von Gewesenem, Erzählen: Loslassen.
Es gibt hauptsächlich zwei Varianten zum Thema "Wo kommen die Kinder her", von denen Frauen der Generation (aus ähnlichem sozialen Umfeld) Margret Lanners erzählen. Neugeborene werden von Eltern aus dem Bach gezogen oder warten in der Sakristei darauf ins Leben geholt zu werden.
© Österreichisches Zeitzeugenarchiv, Interview Ruth Deutschmann, Kommentar Ekkehard Schönwiese
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