Schicksal
Die Sonne brannte heiß vom strahlend blauend Himmel und eine wohltuende Windbrise fuhr spielerisch durch die Blätter der Apfelbäume. Mit geschlossenen Augen lagen zwei junge Menschen nebeneinander im Gras. „Anna, willst meine Frau werden?“ Erstaunt riss Anna die Augen auf. „Sag das noch einmal?“ „Willst mich heiraten?“ Lächelnd setzte er sich auf. „Also?“ Sie schwieg. Heiraten? Kinder bekommen? Für immer mit Andreas beisammen sein? „Diese Frage kommt jetzt aber sehr plötzlich,“ zog sie die Antwort hinaus. Sie hatte ihn schon lieb, aber wollte sie einen Mann, der selten daheim war. „Andreas, du wirst sicher bald den Vieh- und Weinhandel deines Vaters übernehmen und das Gasthaus. Wo bleibt da Zeit für mich?“ „Aber Anna, ich weiß gar nicht, was du hast? Die nehme ich mir schon.“
„Andreas, du weißt, ich habe dich sehr gerne, aber bevor ich dir eine Antwort gebe, möchte ich mir von Lena die Karten legen lassen.“ Sie setzte sich auf. „Vielleicht passen wir gar nicht zusammen oder eine andere ist für dich bestimmt.“ Der junge Mann schüttelte entschieden den Kopf. „An so einen Schmarren glaube ich nicht. Die Lena ist ein feiner Mensch und ihre Kräuter wirken Wunder, aber Kartenlegen? Niemals!!“ Anna schaute ihn nur beleidigt an und schwieg. „Anna, vergiß es! Ein Hofer lässt sich nicht die Karten legen.“ Sie wandte sich von ihm ab und schließlich lenkte er liebevoll ein. „Wenn es dir so viel bedeutet, von mir aus. Ich muss ja nicht glauben, was sie sagt.“ Jubelnd sprang Anna auf. „Komm, wir gehen sofort! Ich will unbedingt wissen, was unsere Zukunft bringt!“
Die alte Lena machte sich gerade in ihrem Kräutergarten zu schaffen, als die beiden auf sie zugelaufen kamen. „Grüß Gott, Lena, hast ein bisschen Zeit für uns? Wir hätten ein paar Fragen. Heiraten und so, weißt du?“ Schmunzelnd schaute die alte Frau die jungen Leute an. „Ah, die Ladurner Anna und der Hofer Andreas, Grüß Gott. Ihr werdet wohl ohne mich wissen, ob ihr euch mögt.“ Anna drückte herum, aber Andreas polterte:“ Ich schon, aber sie anscheinend nicht!“ „Na ja also, kommt herein, in Gottes Namen. Schauen wir, was sie sagen. Setzt euch nieder.“
Sie entzündete drei weiße Kerzen, bekreuzigte sich mit Weihwasser und fing an, die Karten zu mischen. Es wurde ganz still in dem kleinen, gemütlichen Raum. Eine Karte nach der anderen bedeckte den Holztisch und Lena`s Blick wurde immer ernster. „Ihr seid zwei brave, gläubige Menschen.“ Dann schwieg sie wieder und schloss die Augen. Erst kamen liebevolle Bilder, aber dann... Entsetzliches und Erschreckendes zog an ihr vorbei. Elend, Feuer, Verwüstung und Verrat. Männer in fremden Uniformen, Gewehre die auf Andreas gerichtet waren und.... Was durfte sie ihnen sagen? Durfte sie Hoffnungen zerstören? Hatte sie das Recht, dem vorgezeichneten Weg vorzugreifen? Ihre beiden Schicksale lagen klar und deutlich vor ihr und sie konnte nichts daran ändern.
„Ihr gehört zusammen. Eure Ehe wird sehr fruchtbar sein, sieben Kinder schenkt euch der liebe Gott. Du Andreas wirst ein berühmter Mann und kämpfst für die Freiheit unseres geliebten Heimatlandes. Fremde Feldherren werden lernen dich zu fürchten.“ Andreas strahlte. „Hast du es gehört, Anna, „du bekommst einen Helden! Ich habe es immer schon gespürt, dass ich wichtig sein werde, für unser Tirol.“ Anna unterbrach ihn. “Von mir siehst du nichts, Lena? Du redest immer nur von Andreas.“ Die alte Frau neckte sie. „Sind dir sieben Kinder nicht genug? Mit denen hast du Arbeit, bist du alt und grau bist.“ Anna lachte glücklich. „Wenn Andreas berühmt wird, werde ich sehr stolz auf ihn sein. Ich freue mich schon so darauf!“ „Denkt nicht an die Zukunft, denkt an heute und genießt jeden Moment. Das Leben ist kostbar. Nun geht, ich muss wieder in meinen Garten.“ Glückselig bedankten sich die jungen Leute und liefen lachend hinaus in die Sonne, gefolgt von Lena`s tief traurigen Blicken. „Armer Andreas, armes Tirol.“
Biografie:
Maximiliana Pia Priewasser, ist Autorin und lebt in Kirchbichl. Sie schreibt mit großer Hingabe Kinderbücher. Die Thematik zum „Gedenkjahr 2009“ faszinierte die Autorin und sie schrieb mehrere Geschichten dazu. „Ich habe mich in die Personen und ihre Zeit hineinversetzt und mitgefühlt, denn oberflächlich darf man die Tiroler Vergangenheit nicht sehen.“ Kontaktadresse: sold.prie@chello.at
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