Sophie Wilhelm, die „Tiroler Nachtigall“
Wie wir Kinder waren, da hat uns der Vater, der war ein musikalisches Genie und der Gründer von der Eisenbahnmusik. Er hat sich eine Gitarre erworben irgendwie, dann hat er Gitarre gespielt, das hat er sich alles selber gelernt. Er ist mit seiner Gitarre in der Küche gesessen und hat uns die Lieder gelernt. Da hat er zu mir mit 6 Jahr gesagt: „Du singst den Sopran.“ Zum Rudi, der war 8: „Du singst den Sekund“. Zum Franzele, mein um zwei Jahr jüngerer Bruder: „ Und du singst die Grode“. Des Tenörl, halt.
Dann hat der Vater mir vorgesungen. Die Melodie und den Text dazu und ich hab müssen nachsingen, als Kind lernst ja sofort, da singst ja gleich nach. So, hat mein Vater gesagt: „ Und jetzt merkst du dir das. So, und jetzt kommt der Sekund dazu“ und dann noch das Tönerl und den Bass. Kinderstimmelen... mein Gott... die glockenreinen Kinderstimmelen. Damals ist zur Unterhaltung gesungen worden. Schade eigentlich, dass es damals noch keinen Apparat gegeben hat, der des aufgenommen hätte. So wie wir´s gsungen haben, so ist´s auch wieder verschwundn.“
(Sophie Wilhelm)
Biografie:
Sophie Wilhelm, die “Tiroler Nachtigall“, Jahrgang 1905, erzählt über ihre Herkunft: „Wir waren arm wie die Kirchenmäuse. Der Vater war aus Stams, er war bei der Bahn beschäftigt, hatte 12 Kinder von 2 Frauen, die Schwestern waren und aus Rietz stammten. Die erste Frau starb kurz nach der Geburt eines Zwillingspaars und mein Vater war mit den drei Kindern auf sich allein gestellt. Meine unverheiratete Mutter war zur selben Zeit von einem reichen Bergbauer aus dem Sellraintal schwanger. Sie arbeitete als Vorleserin bei einer reichen Grafenfamilie.“
Sophie singt im Familienverband für Landsmannschaften und wird schließlich von der Sängergesellschaft Förg entdeckt. Tingel -Tangel, Großstadtvariete, Dorftheater, Almunterhaltung, Opernbühne und Tiroler Abend. Sophie Wilhelm ist in allen Sparten beheimatet. 1927 sieht man sie auf der Varietébühne „Turl Dammhofer“ von Kopenhagen bis Berlin, von London bis Prag. Auf Wunsch des Vaters gibt sie die Herumreiserei auf, landete zunächst in Pfaffenhofen, verkehrt mit den Exlbühnenleuten auf der „Enzianhütte“, kommt dann als Sängerin nach Wien, spielt mit Hans Moser, Paul Hörbiger und Gunther Philipp, singt für Soldaten an der Front…
Näheres unter: www.theaterverbandtirol.at/Publikationen
Kommentar:
Sophie Wilhelm erklärt: „Der Vater war bei sämtliche Landmannschaften. Das war damals so. Da waren die Oberösterreicher, die Kärntner, die Burgenländer, die sind alle auf die Walz gegangen und die haben sich hier angesiedelt und haben Vereine gegründet. Es gab den Oberösterreicherverein und den Kärntnerverein und den Burgenländerverein, die haben überall ihre Stammplätze gehabt. Ihre Säle. Und ihre Lieder.“ Im Verband der Familie bedeute der Gesang in erster Linie Gemeinschaftsbildung und nicht Unterhaltung für „Fremde“ Das Wissen um das Leben der „Tiroler Nachtigall“ gibt uns Aufschluss über das kulturelle Umfeld des Klischees vom „Tiroler Abend“, der schon am Beginn des 20. Jahrhunderts touristisch orientiert war: „Die Terrasse und der anstoßende Saal füllen sich mit feinem und feinstem Fremdenpublikum, vorherrschend Reichsdeutschen, aber auch Franzosen, Engländern, Ungarn und Angehörigen verschiedener anderer Nationen. Das Läuten mit einer Kuhschelle kündet den Beginn des Tiroler Nationalsänger-Konzertes an….“
Text: © Österreichisches Zeitzeugenarchiv
Bild: © Ruth Deutschmann
Kommentar: Dr. Ekkehard Schönwiese
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