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Tod der Sommerlinde

Vergesst über den steinernen Denkmälern die lebendigen nicht - ist die Kernaussage der frei erfundenen Kurzgeschichte „Der Tod der Sommerlinde“, einer Geschichte, in der wie oft im wahren Leben tote Theatralik über das Leben siegt. Da die Autorin zwar die Realität akzeptiert und beobachtet, aber nicht immer ihr Freund ist, sind ihre Geschichten oft von ungewöhnlichen Sichtweisen auf das so genannte Unnormale (weil nicht gewohnte) gekennzeichnet, etwa nach dem Motto: Schaut und wundert euch, aber auch so kann man die Sache sehen. Nachdenken und streitbares Diskutieren erwünscht!

 
Mein Name ist „Sommerlinde“, wir schreiben den 20. Februar 2010 – meinen Todestag. Sommerlinde - dieser Name ist irreführend, denn ich bin ein echter Kerl im gesegneten Alter von 250 Jahresringen. Verwandte von mir haben es zu über tausend gebracht. Wird aber immer mehr zur Seltenheit. Viel zu stressig die Zeiten, Tonnen von Dreck zu schlucken, die Stürme immer rauer und kaum noch Gäste. Freilich, Kiki, der Foxterrier, besuchte mich bis vor kurzem noch regelmäßig und pinkelte mir an den Stamm. Und natürlich war da meine kleine Freundin Linda.
„Weißt du, dass wir Namensvettern sind?“ hatte sie mir einmal zugeflüstert und an meiner Rinde gepult. Wenn die Schulglocke läutete, dauerte es nie lange, und ich hörte ihr zwitscherndes Lachen. Sie legte ihren Ranzen ab und schaute als erstes in meinen Baumhöhlen nach, ob der Specht vom Vorjahr aufgetaucht war oder ein anderer Vogel nistete. Nachdem sie mir ein „Mach dir nichts draus, wird schon noch.“ zugerufen hatte, packte sie Bücher und Hefte in meinem Schatten aus. Gelegentlich kam es vor, dass sie mich etwas fragte oder mir etwas erzählte. Und seltsam: Obwohl mir klar war, dass sie mich nicht verstehen konnte, war ich sicher, sie begriff alles.
 
An einem Junitag vorigen Jahres bimmelte die Schulglocke wie gewöhnlich. Sie sollte mein Ende einläuten. Ich werde es nie vergessen: Linda klappte plötzlich ihr Buch zu, sprang auf, starrte lange an mir empor, maß immer und immer wieder meinen Stamm und schüttelte den Kopf. „Wie alt bist du?“
 
„Aber Linda! Was soll die Frage?“
 
„Wir haben heute etwas in Geschichte gelernt, etwas, das genau hier passiert ist. Du musst es gesehen haben. Es war auf den Tag vor zweihundert Jahren.“
 
„Du meinst den Tag, als die Männer des Dorfes die sechs Bayern in der Nacht überraschten? Mit Sensen, Heugabeln und Dreschflegeln kamen sie aus den Häusern der Umgegend und am nächsten Morgen war das Blut bis an meine Wurzeln geflossen. Meinst du diesen Tag? Linda? Du hörst mir ja gar nicht zu!“
 
„Ha, es war ein gewaltiger Tag, der den Tirolern die Freiheit gebracht hat, zumindest bis zum 14.10.1809, hat die Lehrerin gesagt. Und dann die Schlacht am Berg Isel, gar nicht weit von hier. Wie David gegen Goliath, hat sie gesagt. Das musst du doch gesehen haben!“
 
„Natürlich. Vor meinem Stamm haben sie die Erde abtragen müssen. Zwanzig Zentimeter tief war sie voll gesogen. Stimmt, die Sehnsucht nach Freiheit hat die Leute getrieben. Aber damit ist es ein eigen Ding. Schau, in all den Jahren habe ich das Treiben tausender Menschen beobachtet: sie rannten ruhelos hierhin und dorthin, fuhren später Rad und sogar Auto. Sie alle waren vollgefüllt mit Wünschen, konnten sich beliebig bewegen, sie haben geliebt, gehasst, getötet und sich befreit, von wem sie wollten. Ich wurde Zeuge von Werden und Vergehen. Alles lief an mir vorbei wie ein vergänglicher Film. Und ich sage dir jetzt: Keiner dieser Menschen hat sich so frei gefühlt wie ich, die alte Sommerlinde, die hier mit ihren Wurzeln an den ihr bestimmten Ort verdammt ist. Du glaubst mir nicht? Schau in diese Richtung dort. Das ist mein Lieblingsblick: Der Inn schlängelt sich das Tal entlang, fließt auch durch das damals feindliche Bayern und verliert sich irgendwo am Horizont. Solange ich diesen Horizont sehen kann, werde ich mich so frei fühlen, wie sich kein Mensch je zu fühlen vermag. Was sind schon Grenzen, Regierungen und Staatengebilde? In jedem Fall sind sie vergänglich.“
 
Anders als sonst hielt es Linda an jenem Tag nicht lange bei mir aus. Ich spürte, sie konnte mich nicht hören, ihre Augen leuchteten vor Aufregung und im Davonhüpfen rief sie mir noch zu: „Sie werden hier etwas bauen.“
 
Schon am folgenden Morgen kamen sie. Die Schwingungen der Ungetüme schnitten mir in die Seele, durchdrangen Wurzeln, Stamm und Geäst und verkündeten Unheil. Sie rollten auf mich zu und stoppten in meinem Schatten. Zwei Männer stiegen aus und gerieten in Streit. Der Eine wollte mich aus dem Weg haben, konnte sich aber nicht durchsetzen. Der Andere wies mit dem Zeigefinger auf eine Stelle etwa zehn Meter vor mir und ich hörte ihn noch etwas von „idealem Background“ sagen. Die Zwei standen zwischen mir und dem Inn, störten meinen Blick in die Welt. Es dauerte noch eine gewisse Zeit, bis ich begriff. Dann begann ein winziger Gedanke in mir zu keimen.
 
Gegen Mittag jenes Tages kam Linda ausgelassen auf mich zu gerannt. „Sie bauen ein Denkmal, ein Freiheitsdenkmal für Tirol, ist das nicht toll? Am Todestag von Andreas Hofer wird es eingeweiht“, rief sie.
 
„Solange ich den Horizont sehen kann, werde ich mich so frei fühlen, wie sich kein Mensch je zu fühlen vermag.“ Vielleicht war dieser Gedanke zu vermessen. Einen Hintergrund sollte ich abgeben für ein Freiheitsdenkmal, selbst jeder Sicht beraubt. Diesen Gefallen würde ich ihnen gewiss nicht tun. In ein paar Monaten, wenn es offenkundig sein würde, sollten sie totes Holz vorfinden. In diesem Augenblick beschloss ich zu sterben, wenigstens darin war ich noch frei.
 
Und nun war es soweit. Heute Morgen hat der Pfarrer das Denkmal gesegnet. Die Leute standen andächtig herum und haben geklatscht, auch Linda. Nachdem das erledigt war, kamen Männer zu prüfen, was noch verwertbar war an mir. Die steinerne Figur mit dem Gewehr und dem großen Hut schaute unschuldig und teilnahmslos zu.
 
Es ist Mittag. Die Sonne am Zenit. Zeit, Abschied zu nehmen. Die Männer setzen die Säge an, ritzen die tote Rinde. Und obwohl ich keinen Schmerz spüren dürfte – es tut weh. Täusche ich mich? Das Fundament des steinernen Andreas Hofer senkt sich um zwei Zentimeter - für das menschliche Auge kaum sichtbar - mir entgegen.
 
„Du teilst deinen Todestag mit mir, einem Mann, der in den Geschichtsbüchern steht. Ist das nichts?“, flüstert die Figur mir zu. Wohlmöglich höre ich diese Stimme auch nur in Todesangst und Fieberwahn. Sie wird immer leiser und verschwimmt in Watte. Bevor mir die letzten Sinne schwinden, höre ich Tröstliches: „Kein lebendiges Wesen stirbt gern. Glaub das nur nicht. Auch ich nicht vor zweihundert Jahren. Dass es jetzt dich erwischt, tut mir leid. Die Menschen sollten mehr für die Lebenden tun.“
Dann setzt die Säge neu an, dringt tief in meine Eingeweide. Kiki bellt das kreischende Monster an, ergreift schließlich die Flucht und sucht Schutz bei dem Helden. Er schleicht um das Denkmal herum und beschnüffelt es. Aber es ist nur Stein, nichts zum Beine heben.
 
Biografie:
 
Monika Renne, Jahrgang 1954, ist bei Berlin(damals DDR) aufgewachsen, lebt seit 1991 in Tirol und seit 2006 in Wörgl. Beruflich als freischaffende Schaufensterdekorateurin unterwegs, beschäftigt sie sich nebenbei intensiv mit dem Schreiben und der Malerei. Mitglied der Schreibwerkstatt Breitenbach; Fernkurs in Belletristik; Veröffentlichung dreier Kurzgeschichten im Amicus - Verlag.   
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